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Angaben zum Praxisbeispiel

Wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Blindheit an einer Hochschule

Arbeitgeber:

Der Arbeitgeber ist eine Hochschule mit 8300 Beschäftigten.

Behinderung und Funktionseinschränkung der Mitarbeiterin:

Die Frau ist von Geburt an blind. Die Restsehfähigkeit reicht lediglich, um zwischen allgemeiner Helligkeit und Dunkelheit zu unterscheiden. Komplexere optische Informationen müssen daher so umgewandelt werden, dass sie taktil mit den Fingern oder akustisch wahrgenommen werden können. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 100. Der Schwerbehindertenausweis beinhaltet die Merkzeichen B, Bl, G, H und RF.

Übergang Schule - Beruf:

Die Frau besuchte zunächst eine Mittelschule mit Förderschwerpunkt Sehbehinderung und Blindheit und daran anknüpfend die gymnasiale Oberstufe einer anderen Schule mit gleichem Förderschwerpunkt. Nach der Schulzeit absolvierte sie ein Studium der Erziehungswissenschaften und Sozialen Arbeit an der Hochschule, an welcher sie heute arbeitet. Bereits zu ihrer Studienzeit wurde barrierefreie Literatur für Studierende mit Sehbehinderung oder Blindheit bereitgestellt und sie erhielt Seminartexte auf Diskette oder fand in Eigenrecherche online Literatur in PDF-Form. Schwieriger gestalteten sich weniger textbasierte Vorlesungen, wie beispielsweise Statistik. Hier musste ihr die Dozentin sämtliche Zeichen der Formeln einzeln diktieren. Eine hilfestellende Studienassistenz stand damals nicht zur Verfügung. Deshalb sprachen ihr befreundete Studierende zahlreiche Texte auch auf Kassette. Bereits als Studentin war sie im Übrigen an der Forschung über Barrierefreiheit und der Entwicklung unterstützender Technologien beteiligt.
Nach ihrem Abschluss als Diplompädagogin gestaltete sich der Übergang ins Berufsleben schwierig und es folgte eine mehrmonatige Phase der Arbeitslosigkeit mit zahlreichen Bewerbungen. Schließlich fand sie eine Anstellung bei einem Sozialträger. Im Rahmen ihrer Arbeit betreute sie zunächst mehrere Jahre Schülerinnen und Schülern aus sozialschwachen Familien und gestaltete daraufhin ein barrierefreies Kulturangebot für Menschen mit und ohne Behinderung.
Im Anschluss an die Projektarbeiten halfen ihr die fortbestehenden Kontakte zu ihrer alten Hochschule. Aus Eigeninitiative erhielt sie Informationen über ein Stellenangebot der 'Arbeitsgruppe für das Studium mit Sehbehinderung und Blindheit' und erhielt die Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft. Anderthalb Jahre später wurde sie zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin befördert.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die Diplompädagogin arbeitet überwiegend an einem Bildschirmarbeitsplatz in einem Büro. Ihre Hauptaufgabe besteht darin barrierefreie Studienmaterialien zu erstellen und bereitzustellen. Hierzu koordiniert sie einige studentische Hilfskräfte, welche die Erstellung barrierefreier Texte vornehmen, und kontrolliert deren Arbeitsergebnisse. Auch die Auswahl der studentischen Hilfskräfte im Bewerbungsverfahren und deren Einarbeitung wird von ihr vorgenommen.
Eine besondere Herausforderung stellt die Umarbeitung von Grafiken in Bildbeschreibungen oder in taktile Grafiken dar. Die Erstellung taktiler Grafiken kann z. B. durch ein Schwelldruckverfahren erreicht werden, bei welchem ein Druck auf Spezialpapier (Schwellpapier) erfolgt, das mit einer Chemikalie versehen ist, wodurch auf dem Papier Linien, Brailleschrift, etc. bei Wärmezufuhr anschwellen und tastbar werden. Auch hier sind zuvor allerdings einige Anpassungen in der Grafik, wie eine Anpassung der Beschriftungen in Brailleschrift und eine Veränderung der Skalierung notwendig.
Kaum eine im Studium verwendete Literatur ist komplett ohne Grafiken. Und da es sich in der Regel um komplexe wissenschaftliche Inhalte handelt, welche anhand der Grafiken vermittelt werden, ist die Aufgabe, eine barrierefreie Alternative zu erstellen, entsprechend anspruchsvoll.
Im Bereich barrierefreier Grafikbearbeitung liegt auch der Schwerpunkt der Forschung, an welcher die wissenschaftliche Mitarbeiterin mitwirkt. So arbeitet sie in einem Projekt, welches Menschen mit Blindheit die Erstellung eigener Grafiken unter direkter taktiler Rückmeldung ermöglichen soll und auch Sehenden weitere Mittel zur Erstellung barrierefreier Grafiken bereitstellt.
Auch berät die wissenschaftliche Mitarbeiterin Studierende zum Thema Studium mit Behinderung. Gegenwärtig erhält sie eine Fortbildung zur Peer-Counselorin, wo sie weitere Methoden für die systematische Beratung Studierender mit Blindheit erlernt.
Als einzige Korrekturleserin für Literatur in Brailleschrift, ist sie an der Hochschule ebenfalls sehr gefragt.
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin bietet auch Schulungen zur Erstellung barrierefreier Dokumente sowohl für Lehrende der Hochschule als auch auf Honorarbasis an anderen Hochschulen und Institutionen deutschlandweit an.
An ihrem Bildschirmarbeitsplatz nutzt sie einen Laptop, welchen sie auch bei Dienstreisen und Schulungen außerhalb mitnehmen kann. Zum Lesen der Bildschirminhalte verwendet sie eine spezielle Ausgabesoftware (Screenreader), welche die schriftlichen Bildschirminhalte wahlweise in taktil lesbare Brailleschrift umwandelt und über eine Braillezeile ausgibt oder akustisch über den Lautsprecher sowie Kopfhörer. Zur Eingabe setzt sie eine handelsübliche Tastatur ein, die standardmäßig über Markierungspunkte zum Tippen bzw. Bedienen über das Zehnfingersystem verfügt. Ihr Bildschirmarbeitsplatz ist außerdem mit einem Zeichenlesegerät ausgestattet, womit gedruckte Dokumente eingescannt und über eine Texterkennungssoftware, in Verbindung mit Screenreader und Braillezeile, als Brailleschrift oder auditiv ausgegeben werden können (Bild 1).
Aufgrund ihres Tätigkeitsfeldes gibt es weitere Hilfsmittel am Arbeitsplatz. So steht neben einem Brailledrucker auch ein interaktives Grafikdisplay mit Stiftplatte zur taktilen Darstellung und Erzeugung von Grafiken zu ihrer Verfügung (Bild 2).

Arbeitsorganisation:

Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet 30 Stunden pro Woche. Für 20 Stunden steht ihr dabei eine Arbeitsassistenz zur Verfügung. Insbesondere die Umarbeitung von Grafiken als Arbeitsschwerpunkt, lässt sich bis jetzt noch nicht ohne den Abgleich eines sehenden Helfers komplett bewältigen. Die Arbeitsassistenz begleitet die wissenschaftliche Mitarbeiterin auch zu sämtlichen Außenterminen, weswegen bei solchen entweder der Termin selbst oder die mitunter flexiblen Arbeitszeiten der Arbeitsassistenz entsprechend angepasst werden müssen.

Arbeitsumgebung - Mobilität:

Bereits als Studentin hatte die Frau schon einmal ein Mobilitätstraining zur Orientierung auf dem Campus der Hochschule absolviert. Wie bei ihrer ersten Arbeitsstelle, so erhielt sie auch zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Hochschule ein Mobilitätstraining. Die Frau nutzt zur Orientierung einen Langstock und kann entweder mit dem Bus oder komplett zu Fuß den Arbeitsweg und wichtige Wege auf dem Campus selbstständig zurücklegen. Wobei der Zugangsweg und die anderen innerbetrieblichen Wege mit einem Leitsystem (Bodenindikatoren) und entsprechenden Orientierungshilfen (z. B. Infos in Braille auf Hinweistafel und an Treppen bzw. Handläufen) ausgestattet sind (Bild 3).
Bei Dienstreisen wird sie üblicherweise von ihrer Arbeitsassistenz begleitet. Doch da jede Dienstreise hierfür des Aufwands eines einzelnen Förderantrags bedarf, übernehmen nicht selten mitreisende Kolleginnen und Kollegen die notwendigen assistierenden Tätigkeiten.

Arbeitsschutz:

Bei einem Notfall mit evtl. erforderlicher Evakuierung ist der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Fluchtweg bekannt. Es ist auch abgesprochen, dass eine sehende Kollegin oder ein sehender Kollege sie im Rahmen einer Rettungspartnerschaft nach draußen begleitet.

Kommentar der Mitarbeiterin:

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin ist sehr zufrieden mit ihrer Tätigkeit und meint, dass sie es nicht besser hätte treffen können. Sie fühlt sich an ihrer Arbeitsstelle gut integriert, ist auch in Projekttage eingebunden und wird, wo immer nötig, von allen Kolleginnen und Kollegen unterstützt. Ihre Behinderung werde von ihrem Umfeld keineswegs als einschränkend, sondern als eine Bereicherung empfunden.

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte:


Förderung und Mitwirkung:

Die Arbeitsassistenz, welche zwei Drittel der Arbeitszeit zur Verfügung steht, wurde in den ersten drei Jahren von der Arbeitsagentur gefördert und wird seitdem vom Integrationsamt gefördert. Das Mobilitätstraining zum Beschäftigungsbeginn und die Neuausstattung des Arbeitsplatzes mit Braillezeile, Zeichenlesegerät etc. sowie der zur Arbeit genutzte Laptop wurden von der Arbeitsagentur gefördert - wobei die Hilfsmittel und der Laptop personenbedingt gefördert wurden. Die Beratung erfolgte dabei durch den Technischen Beratungsdienst der Arbeitsagentur.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Telefon-Nummern der Integrationsämter und Arbeitsagenturen sowie der Ausbildungseinrichtungen für Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit.



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Referenznummer:

PB/111017



Informationsstand: 09.10.2018