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Bibliographische Angaben zur Publikation

Erstellung eines Merkmalkatalogs als Voraussetzung für die Entwicklung eines Verfahrens zur behinderungsbezogenen Beschreibung von Arbeitsanforderungen

Einleitung



Sammelwerk / Reihe:

Strukturierter Merkmalkatalog, Band F202


Autor/in:

Wieland, Klaus; Weinmann, Sigbert; Schian, Hans-Martin


Herausgeber/in:

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMA)


Quelle:

Bonn: Eigenverlag, 1990


Jahr:

1990



Abstract:


Erstellung eines Merkmalkatalogs als Voraussetzung für die Entwicklung eines Verfahrens zur behinderungsbezogenen Beschreibung von Arbeitsanforderungen

gefördert vom :
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Az: VI b 1-58330-53 ISSN 0174-4992

vorgelegt von: Universität-Gesamthochschule Essen
Professor Dr. Ing. K. Wieland
Schützenbahn 70
4300 Essen 1

Universität-Gesamthochschule Siegen Professor Dr. rer. nat. S. Weinmann
Hölderlinstr. 3
5900 Siegen 21

Forschungsgemeinschaft Arbeitsmedizinisches Zentrum Siegerland e. V./ERTOMIS Stiftung
Dr. med. H.-M. Schian
Marktstr. 4
5900 Siegen 21

Herausgeber: Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung
Referat L P 3
Postfach 140280
5300 Bonn 1

Siegen/Essen im September 1990 ISSN 0174-4992

Der folgende Text gibt die wesentlichen Inhalte des Forschungsberichts in stark gekürzter Form wieder:

In Produktion und Verwaltung wird es immer schwieriger, behindertengerechte Arbeitsplätze anzubieten.
Die Problemschere: Einerseits werden durch Rationalisierung und Qualifizierung die Einsatzspielräume für gesundheitlich beeinträchtigte Arbeitnehmer geringer. (Der Schonarbeitsplatz fällt weg.) Andererseits steigen die Anforderungen und Belastungen. Die Modernisierung und Verbesserung der Arbeitsplätze hat nicht zum Rückgang der Gesundheitsschäden geführt. Es hat nur ein Wandel der Krankheits- und Schadensbilder stattgefunden.

Im betrieblichen Alltag wachsen die chronisch Kranken und Behinderten zunehmend nach.Über die Schwerbehindertenquote hinaus findet man bis zu 25 Prozent durch Gesundheitsschäden behinderte Mitarbeiter in Betrieben und Verwaltungen, die Anspruch auf einen angemessenen Arbeitsplatz hätten. Hier liegt das Problem. Es fehlt ein Vermittlungssystem zwischen Mensch und Arbeit. Nötig ist ein Vergleich von Fähigkeiten des Menschen mit den Anforderungen der Arbeit.

Jedesmal nach den Weltkriegen, wenn massenhaft Behinderte zurückkehrten, war die Suche nach einem solchen System intensiv aber nicht erfolgreich. Nach 1945 haben innerhalb der Arbeitswissenschaft analytische Methoden zur Beurteilung der Arbeit geführt, zum Beispiel zur Duchführung von Rationalisierung oder zur adäquaten Entlohnung. Arbeitsanalytische Methoden haben in Verbindung mit ergonomischen Kriterien zur Arbeitsgestaltung schließlich den Blick für die Beurteilung der Anforderungen der Arbeit geschärft. Es entstanden in einigen Ländern Bewertungssysteme, mit denen Arbeitsvorgänge und Leistungsabfolgen erfasst wurden. Sie waren aber alle branchengebunden, d.h. nicht übertragbar auf andere Betriebe. (Kohle, Automobil)

Diese vielfachen Initiativen haben die Suche nach einem Vermittlungssystem zur beruflichen Rehabilitation angestoßen und beeinflusst.

Das Forschungsprojekt des BMA stellte folgende wesentliche Anforderungen an ein System zur beruflichen Eingliederung von Behinderten:
- Es müssen Anforderungen der Arbeit und Fähigkeiten des Menschen für alle überschaubar und nachvollziehbar dokumentiert werden.
- Kriterien für ein solches Verfahren müssen formuliert werden.
- Aus dem Vergleich von Anforderungen und Fähigkeiten müssen Experten Hinweise zur Intervention erhalten.
- Das Verfahren soll EDV-gestützt sein.
- Auf körperlich und psychisch Behinderte muss das Verfahren gleichermaßen anwendbar sein.
- Es muss branchenübergreifend sein.
- Es muss praktikabel im Sinne einer ökonomischen Anwendung sein.

Der erste Teil des Forschungsprojektes widmete sich der Erfassung von Merkmalen zur Beschreibung von Arbeitsanforderungen, die in direktem Bezug zu den Fähigkeiten eines Behinderten stehen.

Vorhandene Verfahren: Untersucht wurden alle sozialmedizinischen Beurteilungsverfahren der beruflichen Rehabilitation und alle Arbeitsanalyseverfahren, die sich mit der Leistung Behinderter befassen.

Das Ergebnis:
- Kein Verfahren war universell anwendbar.
- Für den psychologischen Bereich bestand nirgends eine Systematik, sie musste erarbeitet werden.

Die anschließende Aufgabe war: Erstellung eines Merkmalkatalogs
Die Merkmalbegriffe aller untersuchten Verfahren wurden zusammengeführt. Ausgeschlossen wurden alle Kriterien zu beruflichen Qualifikationen und Fertigkeiten, da sie behinderungsunabhängig sind. Übrig geblieben sind die elementaren physischen Eignungsanforderungen.

In den engeren Kreis kamen folgende Verfahren:
- Wirtschaftsvereinigung der Eisen- und Stahlindustrie 1963
- Hettinger 1964
- Hackstein et al. 1974
- Mannesmann AG 1977
- Rohmert, Landau 1979
- North, Rohmert 1980 B-AET
- Storm 1981
- Arendt et al. 1982
- Hell et al. 1983 ABA
- Walson et al. 1983 AMAS
- Winter et al. 1983 P+S
- Jochlein et al. 1984 ERTOMIS
- Wieland, Laurig, Schulze Icking 1984 IIADo
- BAG Westf.

Beim Vergleich zeigte sich, dass alle Verfahren ihre Merkmale folgenden Hauptgruppen zuordnen :
1. Körperhaltung
2. Körperbewegung
3. Körperteilbewegung
4. Information
5. Komplexe physische Merkmale
6. Umgebungseinflüsse
7. Arbeitssicherheit
8. Arbeitsorganisation
9. Psychische Merkmale

Die Merkmale Es wurden 310 Merkmale aufgelistet. Um sie für den Anwender übersichtlich zu gestalten, wurden sie hierarchisch angeordnet. Die Ordnung der Kriterien folgt einer Baumstruktur - mit dicken Ästen und vielen Verzweigungen. Damit kann der Anwender - je nach Aufgabenstellung - sich in der Breite und Tiefe der Kriterien bedienen.

Hauptkriterien bilden die Aststruktur, untergeordnete Kriterien bilden die Verzweigung der Äste:

4. Information

4.1 Informationsaufnahme (sensorisch)

4.1.1 Sehen
1. Sehschärfe Nahbereich
2. Sehschärfe Fernbereich
3. räumliches Sehen (Stereo)
4. Sehfeld (Gesichtsfeld)
5. Farbsehen
6. Dämmerungssehen

4.1.2 Hören

4.1.3 Tasten/Fühlen

4.1.4 Bewegungs- und Stellungsempfinden

4.1.5 Riechen

4.1.6 Schmecken

4.2 Informationsabgabe (motorisch)

4.2.1 Lautabgabe

4.2.2 Körpersprache

4.2.3 Bildhafte Darstellung (Schreiben/Zeichnen)

Fazit:

1. Man kann auf diese Weise die Merkmale sehr weit ausdifferenzieren.
2. Der Anwender hat die Möglichkeit - wenn er es braucht - dieser hohen Differenzierung zu folgen.
3. Der Anwender hat auch die Möglichkeit, einzelne Gruppen als Module herauszunehmen (siehe psychische Merkmale - MELBA).

Den Merkmalkatalog bilden einzelne Merkblätter

Beispiel: 4.1 Informationsaufnahme

4.1.3 Tasten/Fühlen

Definition: Erkennen und Beurteilen von Oberflächenbeschaffenheit, Unebenheit, Feinstrukturen, Temperaturunterschieden (innerhalb bestimmter Temperaturbereiche), Wahrnehmen von Schmerzreizen und Vibrationen (Schwingungen) - ohne zusätzliche optische Information.

Fähigkeit: Der Tastsinn ist eine Funktion des sensiblen Nervensystems. Endorgane sensibler Nerven sind für die verschiedenen Qualitäten: Temperatur, Druck, Vibration und Schmerz verantwortlich. Die Empfindlichkeit (das Diskriminationsvermögen) ist im Bereich der Fingerkuppen am größten. Die erwähnten Empfindungsqualitäten gehören zur Oberflächensensibilität (epikritische Sensibilität). Davon unterschieden wird die sogenannten Tiefensensibilität (protopathische Sensibilität), die Empfindungen über Gelenkstellung und Muskelspannung vermittelt. (Vgl. Bewegungs- und Stellungsempfindung 4.1.4) Von großer Bedeutung ist eine ungestörte Oberflächensensibilität (hohes Diskriminationsvermögen) bei Blinden, die zum Lesen auf das Erfassen der Punktschriftzeichen (Braille-Schrift) angewiesen sind.

Bewertung 4.1.3.1 Oberflächenbeschaffenheit Zu bewerten sind Anforderungen an das Erkennen und Beurteilen von Oberflächenbeschaffenheit und Strukturen

4.1.3.2 thermische Reize 4.1.3.3 Schmerzempfinden 4.1.3.4 Vibrationen (Frequenzbereich zwischen 60 und 800 Hz)

Differenzierung eine dreistufige Differenzierung ist lediglich für das Merkmal Oberflächenbeschaffenheit sinnvoll.
1. hohe Anforderung
2. geringe Anforderung
3. keine Anforderung

Merkmalkatalog:
310 Kriterien wurden definiert und differenziert. Sie bilden den gesicherten Pool, aus dem sich Anwender bedienen können. Je nach Aufgabenstellung wird immer nur eine Auswahl infrage kommen, die der Anwender bestimmt.

Untersuchte Verfahren
Alle untersuchten, bestehenden Bewertungsverfahren wurden den Forderungen des Forschungsprojektes unterworfen. Dabei zeigte sich, dass das ERTOMIS (EAM)-System als einziges den Forderungen nahe kommt, da es mit definierten Kriterien die Anforderungen der Arbeit und die Fähigkeiten des Menschen dokumentiert und branchenübergreifend anwendbar ist.

Das ERTOMIS (EAM)-System deckt von den 310 Kriterien des MKA 65 ab. Es besetzt in der hierarchischen Struktur etwa die stärkeren Baumäste und bietet damit eine mittlere Fragetiefe.

Wichtig für Anwender: Ein Ergebnis stellt sich erst ein, wenn Fähigkeiten und Anforderungen verglichen werden können.

Das setzt voraus, dass die Kriterien für Fähigkeiten und Anforderungen gleich sind! Solche fähigkeitsbezogenen Kriterien bietet der MKA an. Sie sind hier allerdings nur für die Anforderungsseite definiert. Die Fähigkeitsseite (Fortsetzung des Forschungsprojektes des BMA) wird zurzeit erarbeitet.

(Autor: Ekkehard Beyer)

Die einzelnen Merkmalblätter sind als Volltext über die folgenden Links abrufbar:

1 Körperhaltung
1.1 Sitzen
1.2 Stehen
1.3 Knien
1.4 Hocken
1.5 Liegen
1.6 Änderung der Körperhaltung

2 Körperfortbewegung
2.1 Gehen/Steigen
2.2 Steigen/Klettern
2.3 Kriechen/Rutschen
2.4 Fahren

3 Körperteilbewegung
3.1 Arm/Schulter beidseitig
3.2 Arm/Schulter einseitig
3.3 Bein/Hüfte beidseitig
3.4 Bein/Hüfte einseitig
3.5 Rumpf/Kopf

4 Information
4.1 Informationsaufnahme (sensorisch)
4.1.1 Sehen
4.1.2 Hören
4.1.3 Tasten/Fühlen
4.1.4 Bewegungs- und Stellungsempfinden
4.1.5 Riechen
4.1.6 Schmecken

4.2 Informationsabgabe (motorisch)
4.2.1 Lautabgabe
4.2.2 Körpersprache
4.2.3 Bildhafte Darstellung (Schreiben/Zeichnen)

5 Komplexe physische Merkmale
5.1 Dauerbelastung/-belastbarkeit
5.2 Gleichgewicht (Schwindelfreiheit)

6 Umgebungseinflüsse
6.1 Klima
6.2 Schall/Lärm
6.3 Vibration/Erschütterung
6.4 Licht/Beleuchtung
6.5 Nässe/Feuchtigkeit
6.6 Luftdruck
6.7 Strahlen
6.8 Arbeitsstoffe I (Gase/Stäube/Rauche)
6.9 Arbeitsstoffe II (sonstige, nach GefStoffV)

7 Arbeitssicherheit
7.1 Unfallgefahr
7.2 ArbeitsschutzmittelRNR

8 Arbeitsorganisation
8.1 Schichtarbeit
8.2 Arbeitszeit
8.3 Arbeitsablauf
8.4 Entgeltdifferenzierung
8.5 Arbeitsweg
8.6 Weg zum Arbeitsplatz/einschl. Sozialräume

9 Psychische Merkmale
9.1 Kognition
9.2 Persönlichkeit
9.3 Psychomotorik/Belastung
9.4 Art der Arbeitsausführung
9.5 Kommunikation
9.6 Art des Arbeitsplatzes


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk 'Strukturierter Merkmalkatalog' | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
Homepage: https://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/publikationen.h...

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Referenznummer:

VT0130


Informationsstand: 01.08.1992

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