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Bibliographische Angaben zur Publikation

Ambulant oder stationär? Zur Zukunft und Qualität der Unterstützungssysteme für Menschen mit Behinderung


Autor/in:

Kastl, Jörg Michael


Herausgeber/in:

Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e.V. (BAG UB)


Quelle:

Impulse, 2006, Nummer 40 (Ausgabe 4), Seite 3-10, Hamburg: Eigenverlag, ISSN: 1434-2715


Jahr:

2006



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Abstract:


Der Autor stellt bezüglich der Frage, ob die Unterstützung für Menschen mit Behinderung in Zukunft ambulant oder stationär, innerhalb oder außerhalb von Einrichtungen stattfinden soll, vier Thesen auf, anhand derer er die Fragen angehen möchte.

Die erste These bezieht sich auf die Dreiteilung ambulant, stationär, teilstationär. Diese spiele in Zukunft keine Rolle mehr, da über die sozialpolitischen Zielvorstellungen für die zukünftige Entwicklung der Behindertenhilfe ein bemerkenswert breiter Konsens bestehe. In den Positionspapieren wichtiger Akteure zeigt sich, dass es wenige Meinungsverschiedenheiten über die Zielvorstellungen gibt.

Ob es um Arbeit oder Wohnen gehen, im Vordergrund stünden immer Enthospitalisierung, Dezentralisierung, Normalisierung und Individualisierung. Auch über das Erreichen der Ziele sei man sich im Grundsatz einig. Wichtige Punkte sind hierbei der Ausbau des Ambulant Betreuten Wohnens, die Differenzierung sowie die größere Bedeutung von Persönlichen Budgets. Der breite Konsens, so der Autor, sei nicht selbstverständlich. Das sei also nicht das Problem.

In der zweiten These heißt es, dass es in und außerhalb der Einrichtungen eine bunte Vielfalt vom bereits verwirklichten Formen der Unterstützung gebe. Diese würden zeigen, dass und wie es möglich ist, die Dreiteilung aufzubrechen. Auch auf der Ebene der praktischen Konzepte gebe es zahlreiche viel versprechende Projekte, die mehr Lebensmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen herstellen. Zu diesen Innovationen zählen unter anderem Integrationsfachdienste und das Persönliche Budget.

Aber die neuen Ansätze würden nach wie vor unwirksam sein, denn in der Praxis würden große Einrichtungen und einrichtungsgebundene Konzepte dominieren. Auch der Paradigmenwechsel habe daran nichts geändert und folglich würden die Ansätze versanden, so die dritte These des Autors. Trotz aller bereits umgesetzter Konzepte würden fast dreiviertel aller Menschen die Eingliederungshilfe in Einrichtungen bekommen und das, obwohl man die Eingliederung in die Gesellschaft erreichen möchte.

Des Weiteren werden nur etwa sieben Prozent der Ausgaben für Eingliederungshilfe außerhalb der Einrichtungen eingesetzt, 93 Prozent allerdings in Einrichtungen. Auch die Zahl der belegten Plätze in Werkstätten für behinderte Menschen steigt in den letzten Jahren ständig, ebenso die der Wohnheimsplätze. Aus unterschiedlichen Gründen haben Integrationsfachdienste, Arbeitsassistenz und Persönliches Budget daran nichts geändert. Die Integrationsfachdienste beispielsweise haben ihre eigentliche Aufgabe nicht wirksam wahrnehmen können und es droht derzeit der Zusammenbruch dieses Systems. Auch das Persönliche Budget und die Arbeitsassistenz bleiben hinter den Erwartungen zurück. Hier, so der Autor, liege das Problem.

In der vierten These wird die Komplexität des Systems als Hindernis für Innovationen angesprochen. Auch die Politik sei dieser Komplexität nicht mehr gewachsen und regiere auf der Ebene des harten Leistungsrechts sehr oft mit halben und unwirksamen Lösungen. Hinzu komme, dass sie die Probleme des gegliederten Systems ausschließlich mit den Mitteln und im Bezugssystem des gegliederten Systems bearbeite. Und das sei ein weiteres großes Problem.

Die vierte These verdeutlicht der Autor am Beispiel des Trägerübergreifenden Persönlichen Budgets (TPB) und den Integrationsfachdiensten. Das Trägerübergreifende Persönliche Budget sollte zunächst eng an die Sachleistungen gebunden, getrennt bemessen und dann zusammengeführt werden. Allerdings schleppt man dann alle Regeln und Zwänge des Sachleistungsrechts mit. Das Trägerübergreifende Persönliche Budget war in dieser Form also nur eine Notlösung. Dennoch wurde diese Version dann teilweise wortwörtlich in die Neugestaltung übertragen. Das Ergebnis ist, dass wirkliche trägerübergreifende Budgets nach wie vor Einzelfälle sind.

Auch bei den Integrationsfachdiensten ergeben sich derzeit erhebliche Probleme. So erbringen die Arbeitsagenturen zur Finanzierung oftmals keinen relevanten Finanzierungsanteil. Die Integrationsämter hätten zudem deutlich weniger Mittel zur Verfügung als früher aus dem Ausgleichsfonds zur Verfügung gestellt wurde.

Der Integrationsfachdienst, der zur Überwindung bisheriger Schnittstellenprobleme dienen sollte, wird intern wieder nach Zuständigkeit segmentiert, weil die Finanzierung davon abhängt. Das Persönliche Budget, das eigentlich dazu dienen sollte Unterstützungsformen zu ermöglichen, die vom bestehenden Sachleistungsrecht nicht abgedeckt werden, wird wiederum so eng an genau dieses Sachleistungsrecht gekettet, dessen Problem man umgehen wollte.

Um also zu erreichen, dass Innovationen, die helfen sollen, typische Folgeprobleme des gegliederten Systems zu beheben, so ausgestaltet werden, dass sie das leisten können, muss der Paradigmenwechsel von der Ebene der Programmsätze auf die Ebene des Leistungsrechts heruntergebrochen werden.

Bei den Integrationsfachdiensten hält der Autor es für notwendig, dass die starre Segmentierung von Vermittlung und Betreuung aufgegeben wird und die Strukturverantwortung in einer Hand liegt. Außerdem sollte eine solide Sockelfinanzierung der Dienste von mindestens 80 Prozent gewährleistet sein. Für das Trägerübergreifende Persönliche Budget sollte gelten, dass strikt zwischen personenbezogenen Budgets, Budgets, die dem Umfeld der Personen zur Verfügung gestellt werden und Budgets für Menschen, die es eigenverantwortlich verwalten unterschieden wird. Weiterhin müssen Persönliche Budgets deutlicher aus den Zwängen des Sachleistungsrechts gelöst werden und im Rahmen der Pflegeversicherungsleistungen der volle Sachkostensatz eingehen können.

Anhand dieser Beispiele hat der Autor gezeigt, worauf es seiner Meinung nach ankommt, damit Persönliche Budgets realisiert werden können und dazu beitragen, dass sich die starre Dreiteilung in Zukunft auflöst. Dies setzt allerdings eine funktionierende Infrastruktur für behinderte Menschen allein schon auf der Verwaltungsebene voraus.


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Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Fachmagazin Impulse
Homepage: https://www.bag-ub.de/impulse

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0141/6118


Informationsstand: 24.07.2007

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