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Bibliographische Angaben zur Publikation

Rollstuhlbedarf bei Multipler Sklerose

Rollstühle müssen sich dem Fahrer anpassen - nicht umgekehrt



Autor/in:

Kirchhoff, Ralf


Herausgeber/in:

Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (DVE)


Quelle:

Ergotherapie und Rehabilitation, 1999, 38. Jahrgang (Heft 1), Seite 29, Idstein: Schulz-Kirchner, ISSN: 0924-8623


Jahr:

1999



Abstract:


Die Ansprüche, die ein MS-Patient an seinen Rollstuhl stellt, unterscheiden sich erheblich von denen anderer Gehbehinderter. TherapeutInnen sollten die Betroffenen darin unterstützen, sich frühzeitig mit den krankenspezifischen Anforderungen an einen Rollstuhl auseinander zu setzen.

Dabei ist zu prüfen, welche Kriterien das Hilfsmittel erfüllen soll und welche Möglichkeiten der Rollstuhlanpassung es gibt, die den individuellen Bedürfnissen des MS-Patienten gerecht werden. Die Ausgangsvoraussetzung für einen Patienten mit MS (oder progredienten Muskelerkrankungen) stellen sich anders dar als für andere Behinderte. Kann man bei den meisten Körperbehinderungen von Stabilisierung beziehungsweise einer Verbesserung des Krankheitsbildes ausgehen, führt die MS überwiegend zu einer Verschlechterung des Zustandes. Entsprechend sind die Anforderungen des MS-Patienten durch die Veränderung seiner Bewegungsmöglichkeiten bestimmt.

In der Praxis sieht es leider noch häufig so aus, dass ein Rollstuhl nach Kriterien ausgesucht wird, die erst in einigen Jahren für den MS-Patienten relevant werden. Ist beispielsweise abzusehen, dass in ferner Zukunft eine höhere Rückenlehne benötigt wird, um mehr Stabilität zu erreichen, so kann diese hohe Rückenlehne gegenwärtig eher eine Einschränkung des noch funktionierenden Muskelapparates bedeuten. Um aber in kürzerer Zeit nicht noch ein neueres Modell anschaffen zu müssen, werden Unannehmlichkeiten in Kauf genommen.

Ein Rollstuhl muss mitwachsen
Ähnlich wie im Kinderbereich, wo Rollstühle konstruiert werden, die mit ihren Fahrern mitwachsen, so sollte sich auch im MS-Bereich der Rollstuhl der spezifischen Situation des Betroffenen nach und nach anpassen lassen. Neben den funktionellen Aspekten ist zusätzlich der Kosten-Nutzen-Effekt erwähnenswert: es lohnt sich, einen Rollstuhl auszuwählen dessen Zubehörfunktionen je nach den Erfordernissen ausgebaut werden können, statt eine Neuversorgung vorzunehmen.

Die jeweils günstigste Einstellung des Rollstuhls hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- Die Art des Antriebs, ob mit den Füßen trippelnd oder mit den Armen greifend, bestimmt den Sitzwinkel oder das Sitzgefälle.
- Rückenlehnenhöhe und Rückenwinkel müssen immer im Verhältnis zueinander gesehen werden und sind abhängig von den Funktionen des Muskelapparates.
- Die Möglichkeit, nachträglich Kopfstützen, Armlehnen und Seitenpelotten anzubringen, sind in einer späteren Krankheitsphase von Bedeutung.

Hinzu kommen natürlich die verschiedenen Körpermaße, der vorwiegende Gebrauch des Hilfsmittels (im Innenbereich, draußen) und das Alter der betreffenden Person. Ein weiteres Kriterium bei der Anschaffung eines Rollstuhls ist die Frage, ob der Benutzer selber Auto fährt. Entscheidend ist hier der Aspekt des Gewichts. So lange der Patient in der Lage ist, selber einen Pkw zu steuern, wird er einen Rollstuhl benutzen wollen, der leicht zu verladen ist. In einem späteren Stadium der Krankheit ist weniger das Gewicht entscheidend als vielmehr die Frage, inwieweit das Hilfsmittel zu einem Pflegerollstuhl aufrüstbar ist.

Optimale Sitzposition - eine Übungssache
Ein Rollstuhl sollte möglichst viele Einstellfunktionen bieten, um gesundes und ergonomisches Sitzen zu ermöglichen. Dabei ist die Rollstuhlanpassung, der spezifische Zuschnitt auf die Bedürfnisse des Benutzers, als ein Prozess zu verstehen. Ganz selten wird man mit der Einstellung auch später noch zufrieden sein, selbst wenn der Rollstuhl von einem Experten angepasst wird. Erst durch das Erproben verschiedener Einstellungen wird man die optimale Sitzposition finden. Deshalb darf das Ein- und Verstellen des Rollstuhls nicht zu kompliziert sein.

Die Betroffenen zu Experten machen
Nach eingehender Beratung und ersten Erfahrungen mit einem Rollstuhl wissen die Betroffenen dann oft am besten, welcher Stuhl in welcher Einstellung für sie optimal ist. Die Wahl hängt stark vom Krankheitsbild und von den Prioritäten des Rollstuhlfahrers ab. Standardisierte Klassifizierungen sind hier sicherlich nicht möglich oder sogar schädlich. Ein 25-Jähriger wird den Schwerpunkt wahrscheinlich mehr auf Mobilität setzen, während für einen 65-Jährigen Bequemlichkeit und Stabilität Vorrang haben. Wichtig ist es, sich frühzeitig zu erkundigen, Erfahrungen zu sammeln und auszuprobieren, um das Gerät richtig kennenzulernen. So kann ein Betroffener auf Dauer sein eigener Rollstuhlexperte werden.

Wenn MS-Kranke etwas für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit tun möchten, werden sie sich selbst (unter Anleitung) mit den technischen Möglichkeiten ihres Hilfsmittels auseinander setzen und für komfortables Sitzen sorgen. Ist die Technik dann noch unkompliziert zu bedienen, ersparen sie sich so manche Fahrt ins Sanitätshaus.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


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Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Ergotherapie und Rehabilitation
Homepage: https://www.skvdirect.de/ergotherapie-und-rehabilitation/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0082/2426


Informationsstand: 16.09.1999

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