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Bibliographische Angaben zur Publikation

Assistenz im Alltag

Formen von Hilfeleistungen für schwerstbehinderte Menschen unter Berücksichtigung juristischer, politischer und regionaler Aspekte



Autor/in:

k. A.


Herausgeber/in:

Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM)


Quelle:

Muskelreport, 2001, Heft 1, Seite 28-29, Freiburg im Breisgau: Eigenverlag, ISSN: 0178-0352


Jahr:

2001



Abstract:


Persönliche Assistenz - Schwerstbehindertenbetreuung in der DDR - Arbeitgebermodell - Neuregelungen im SGB IX - Selbstbestimmt Leben-Initiativen - Pflegeversicherung; das sind nur wenige Stichworte, die für mehr als 70 Menschen Anlass waren, nach Berlin zur bundesweiten Fachtagung ASSISTENZ IM ALLTAG zu kommen.

Sie trafen sich am 12. und 13. Oktober 2000 im Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg. Unter den Teilnehmenden waren AktivistenInnen, die sich schon seit langen auf dem Gebiet der persönlichen Assistenz engagieren und heute in den Selbstbestimmt Leben Zentren professionell arbeiten, AssistenznehmerInnen, MitarbeiterInnen von ambulanten Diensten und anderen Beratungsstellen für Behinderte, Landesbehindertenbeauftragte oder deren Mitarbeiter und andere Interessierte.

Im Mittelpunkt des ersten Tages standen unterschiedliche Modelle persönlicher Assistenz. Nach den Referaten wurden die einzelnen Modelle jeweils von den Zuhörenden nach den Möglichkeiten der Selbstbestimmung für die NutzerInnen, die Absicherung der Assistenz und Möglichkeiten der eigenen Gestaltung überprüft. Dabei ging es im Detail um die Assistenz durch einen ambulanten Dienst und das ArbeitgeberInnenmodell.

In der Diskussion wurde deutlich, wie unterschiedlich die Situation in der BRD ist. Während in (West-)Berlin umfangreiche Hilfen nach dem BSHG bezahlt werden, sehen sich anderen Orts viele ambulante Hilfsdienste gezwungen, allein mit den Leistungen der Pflegeversicherung auszukommen. In Berlin konnten bisher nur wenige Menschen die behinderte Arbeitgeberschaft für sich erkämpfen, in München gibt es dagegen 300 behinderte ArbeitgeberInnen. Allerdings müssen die meisten Betroffenen selbst bei einer 24-Stunden-Assistenz ausschließlich mit 630,- DM-Kräften auskommen. Die Konsequenz ist, dass sie mit einem Team von circa 18 AssistentInnen arbeiten müssen.

Im Mittelpunkt des zweiten Tages stand die unterschiedliche Geschichte und derzeitige Situation der persönlichen Assistenz in Ost-und Westdeutschland. Dabei wurde deutlich, dass sich auf der einen Seite seit 1990 vieles angenähert hat, auf der anderen Seite in den Standards noch große Unterschiede bestehen.

Zwei ReferentInnen aus Jena und dem Ostteil Berlins schilderten wie aus der mangelhaften Infrastruktur und den bevorstehenden informellen Strukturen der DDR nach der Wende Selbstbestimmt Leben-Zentren entstanden sind. Wie weit die Vorstellungen der Sozialhilfeträger über den Unterstützungsbedarf von Menschen mit hohem Hilfebedarf in ostdeutschen Großstädten von den Ideen eines selbstbestimmten Lebens mit persönlicher Assistenz entfernt sind, wurde an dem Vortrag von Isolde Hauschild aus Leipzig deutlich.

Sie berichtete sehr eindrücklich, wie sie über Fernsehen und Internet erstmals vom Arbeitgebermodell hörte, und dann mit Unterstützung des Forums selbstbestimmter Assistenz e.V. einen Antrag beim Leipziger Sozialamt für sich und ihre ebenfalls assistenzabhängige Schwester stellte, den sie erst nach einer Odyssee von Ablehnungen, Widersprüchen und haarsträubenden Begutachtungen bewilligt bekam.

Die Unterschiede bestehen jedoch nicht nur im Vergleich von Ost und West. So wird die persönliche Assistenz mit sozial abgesichert bezahlten Kräften bis heute überwiegend nur in Städten durchgeführt, in denen sie in den achtziger Jahren von Krüppelgruppen erkämpft wurde. In diesen Städten kam es in der Folgezeit zu umfangreichen Absprachen zwischen oft selbstorganisierten ambulanten Hilfsdiensten und den örtlichen Sozialhilfeträgern.

Hier gibt es auch nach Einführung der Pflegeversicherung eine Praxis der bedarfsdeckenden Bezahlung von persönlicher Assistenz durch das BSHG unter Berücksichtigung der Pflegeversicherung. Da diese Angebote jedoch nur in bestimmten (west-)deutschen Städten angeboten werden, gibt es auch heute, wie schon vor der Wende, sogenannte Assistenzflüchtlinge in verschiedene Richtungen: Von Ost nach West und vom Land in die Stadt. das bedeutet: wer eine selbstbestimmte Assistenz in seinen oder ihren eigenen vier Wänden haben möchte, muss in ganz bestimmte Ort ziehen, um diese zu bekommen.

Im letzten Teil der Fachtagung ging es um (neue) rechtliche Regelungen der persönlichen Assistenz. Im ersten Referat wurden die Möglichkeiten aufgezeigt, die die Pflegeversicherung und andere bestehende Gesetze bieten. Hierbei wurde deutlich, dass die derzeitigen Vereinbarungen, die zwischen dem Senat und den Anbietern persönlicher Assistenz in Berlin getroffen worden sind, bundesweiten Vorbildcharakter haben. Im Gegensatz dazu kam bei der Vorstellung des neuen Sozialgesetzbuches (SGB) IX wenig Euphorie auf. Es erschien vielmehr als eine sehr weitreichende Festschreibung des Status quo mit einigen zusätzlichen Beratungsangeboten, die jedoch nicht von neutraler Stelle, sondern von den Kostenträgern selber erfolgen soll.

Insgesamt handelte es sich um eine sehr lebendige Tagung mit viel Information und gegenseitigem Austausch. Am Ende stand bei allen Beteiligten der Wunsch nach stärkerer Vernetzung. Dazu soll auch die Tagungsdokumentation beitragen, die zu Beginn des Jahres 2001 erscheinen wird. Sie kann schon jetzt bei der Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen (ASL e.V.) bestellt werden.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Muskelreport
Homepage: https://www.dgm.org/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0075/3211


Informationsstand: 28.05.2001

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