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Bibliographische Angaben zur Publikation

Deutsche Gebärdensprache in beruflichen Bildungssituationen hörgeschädigter Menschen


Autor/in:

Haug, Tobias; Müller, Claudia


Herausgeber/in:

Barsch, Sebastian; Bendokat, Tim; Brück, Markus


Quelle:

Heilpädagogik online, 2005, Stand: 30.03.2005, 4. Jahrgang (Heft 2), Seite 72-85, Köln, Dortmund, Brühl: Eigenverlag, Online-Ressource, ISSN: 1610-613X


Jahr:

2005



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Ganzen Text lesen (in: Heilpädagogik online 2/2005) (PDF | 1,6 MB)


Abstract:


Berufliche Bildungssituationen hörgeschädigter Menschen werden in diesem Artikel aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch beleuchtet und Ideen für eine mögliche Verbesserung solcher Situationen aufgezeigt. Wer oder was hat einen Einfluss auf eine solche Bildungssituation? Wie könnten solche Situationen so verbessert werden, dass die Hörgeschädigten das Beste daraus mitnehmen können?

1. Einleitende Worte
Stellen Sie sich vor, Sie nehmen am Unterricht einer Einrichtung der beruflichen Bildung teil. Markus macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Markus ist gehörlos und Gebärdensprachbenutzer. Er ist der einzige Hörgeschädigte in einer Gruppe von 15 Hörenden. Der Dozent unterrichtet das Fach Betriebswirtschaftslehre (BWL), ein Fach, das sehr theoriegeleitet ist und viele neue Fachbegriffe umfasst. Der Dozent erstellt ein Tafelbild, welches die Teilnehmer abschreiben sollen. Während der Phase des Abschreibens ergänzt der Dozent inhaltliche Aspekte des Tafelbildes beziehungsweise er gibt zusätzliche Erklärungen, während er selber an die Tafel schreibt. Während die Hörenden schon inhaltliche Fragen an den Dozenten stellen, ist Markus noch mit dem Abschreiben beschäftigt. Später, in einer kurzen Übungssequenz, sollen die Teilnehmer die Inhalte, die im ersten Teil des Unterrichts erarbeitet wurden, üben, indem sie mit Hilfe des BWL-Fachbuchs Kontrollfragen über das Unterrichtsthema beantworten. Während Markus noch mit dem Abschreiben des Tafelbildes beschäftigt ist, das er inhaltlich aufgrund des komplizierten und langen Satzbaus nicht verstanden hat, sind die Hörenden schon auf Seite 213 des BWL-Buchs und beantworten die Kontrollfragen. Markus ist bei der 1. Kontrollfrage angelangt, die Hörenden sind schon bei Kontrollfrage 5 von 10 ...
Wie würden Sie mit so einer Situation umgehen?

Bundesweit ändern sich langsam und allmählich die Bedingungen für Hörgeschädigte in allen Bereichen. Die berufliche Bildungssituation von Hörgeschädigten ist bisher noch nicht näher betrachtet worden und bietet doch einigen Anlass, dies einmal zu tun. Auch wenn wir gern alle Arten der Hörschädigung beachtet hätten, bezieht sich der Artikel sich nur auf schwerhörige und gehörlose Benutzer der Deutschen Gebärdensprache (DGS) in integrativen Bildungssituationen.

2. Ausgangssituation - integrative Bildungssituationen
Integrative berufliche Bildungssituationen Hörgeschädigter können in unterschiedlichen Formen auftreten. Zum Beispiel, wenn ein hörgeschädigter Auszubildender den praktischen Teil seiner Ausbildung in einem überbetrieblichen Ausbildungszentrum absolviert und der Berufsschulunterricht in integrativer Form mit Hörenden zusammen stattfindet (vgl. MÖBIUS 2003). Eine weitere denkbare Form der integrativen beruflichen Bildungssituation ist eine Umschulung in einer Einrichtung der beruflichen Rehabilitation oder kürzere Fortbildungsmaßnahmen, die von freien Bildungsträgern angeboten werden. Ein oder mehrere hörgeschädigte Menschen - möglicherweise auch mit unterschiedlichen Formen der Hörschädigung -werden in einer normal hörenden Gruppe integrativ unterrichtet. Die Unterrichtsinhalte werden von einem Gebärdensprachdolmetscher übersetzt. Ein anderes denkbares Szenario wäre, dass die Hörgeschädigten von einem Tutor-Dolmetscher während der Ausbildung begleitet werden (weitere Details siehe unten).

Sowohl Hörende als auch hörgeschädigte Menschen, die in einer Einrichtung der beruflichen Rehabilitation eine Umschulung durchlaufen, zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie lange berufstätig waren und dadurch viele Jahre keine Unterrichtssituation erlebt haben. Das bedeutet aber auch, dass der Abstand zur Schulsituation oder einer Bildungssituation, der aktuelle Kenntnisstand und die individuellen Bedürfnisse, die sich dadurch ergeben, sehr unterschiedlich sind. Des Weiteren sind Menschen in einer Einrichtung der beruflichen Rehabilitation in der Regel deutlich älter als bei einer Erstausbildung.

Auch wenn sich die beschriebenen Situationen durch viele Merkmale unterscheiden, so ist die grundlegende (sprachliche) Problematik hörgeschädigter Menschen in einer integrativen beruflichen Bildungssituation ähnlich. Deshalb beziehen sich die weiteren Ausführungen auf alle denkbaren integrativen beruflichen Bildungssituationen bei Anbietern, wie sie weiter oben beschrieben wurden.

Neben möglichen unterschiedlichen beruflichen Bildungssituationen ist es auch wichtig, die diversen Formen von Hörschädigungen aufzuzeigen,um die individuellen Bedürfnisse der hörgeschädigten Menschen zu verstehen. Gehörlose Gebärdensprachbenutzer, Schwerhörige mit und ohne Gebärdensprachkenntnissen werden gemeinsam mit spätertaubten Menschen, die über keine Gebärdensprachkenntnisse verfügen, beschult. Beispielsweise Ernst, der vor 14 Jahren seinen Hauptschulabschluss an einer Gehörlosenschule absolvierte, danach eine Ausbildung zum Zahntechniker an einem Berufsbildungswerk abschloss, anschließend als Zahntechniker und dann als Lagerarbeiter arbeitete und jetzt wegen eines Bandscheibenvorfalls eine berufliche Umschulung an einer Einrichtung der beruflichen Rehabilitation vollzieht. Grundlegende Kenntnisse der Gebärdensprache sind vorhanden, doch er hat Schwierigkeiten sich mit Anja in Gebärdensprache zu unterhalten. Anjas Gebärdensprachkompetenz ist sehr viel differenzierter als die von Ernst.

Die 20jährige Anja hat ihr Fachabitur in Essen gemacht. Heute werden beide gemeinsam zum Bürokaufmann beziehungsweise Bürokauffrau ausgebildet.

Zur Klasse gehören auch schwerhörige Menschen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen. Auf Basis dieser unterschiedlichen sprachlichen Erfahrungen entstehen unterschiedliche Bedürfnisse. Diese werden besonders im Hinblick auf allgemeine Deutschkenntnisse und den allgemeinen Kenntnisstand in einer Unterrichtssituation deutlich.

Somit 'rauschen' an einigen der Umschüler die übersetzten Unterrichtsinhalte vorbei. Zum einen lässt irgendwann die Konzentration der Augen und somit der Wahrnehmung nach und zum anderen beherrschen nicht alle das gleiche Level der Gebärdensprache. Dies macht die Aufgaben des Dolmetschers nicht einfach.

3. Unterrichtsmaterialien
Die üblichen Unterrichtsmaterialien in der beruflichen Bildungssituation von Hörgeschädigten, etwa Tafel(-bilder), Overheadprojektor, Bücher und Kopien, werden meist von Hörenden für Hörende erstellt. Dies bedeutet für die meisten Hörgeschädigten, dass sie komplizierte Sätze lesen und verstehen müssen, die in Gebärdensprache so nicht vorkommen. Damit bleiben ihnen wichtige inhaltliche Teile verschlossen. Oft basiert dies nur auf Kleinigkeiten, etwa Fremdwörtern oder zu langen Schachtelsätzen, die nicht verstanden werden.

Wichtig für die Erstellung von hörgeschädigtengerechten Unterrichtsmaterialien (und dementsprechend auch für die Methodik) sind zum Beispiel kurze Sätze, visuelle Auflockerungen durch Lückentexte, Einsatz von Grafiken, Erklärungen zum Tafelbild erst nach dessen Erstellung, Benutzung von farblich aufgelockerten Folien, Untermauerung der Unterrichtsinhalte mit konkreten Beispielen.

4. Unterrichtstransfer
Verschiedene Modelle sollen gewährleisten, dass der Unterrichtstransfer ermöglicht werden kann. Neben dem professionellen Gebärdensprachdolmetschen gibt es folgende andere Möglichkeiten: Integrationspädagoge, Tutor-Dolmetschen und Schreibdolmetschen.

Der Integrationspädagoge (vgl. MÖBIUS 2003) hat die Aufgabe, zum Beispiel in einer Berufsschule, in der integrativ unterrichtet wird, für den hörgeschädigten Berufsschüler die Unterrichtsinhalte zu dolmetschen oder Wortmeldungen des hörgeschädigten Berufsschülers, wenn es gewünscht wird, zu voicen (übersetzen von Gebärdensprache in die deutsche Lautsprache), Fachbegriffe zu erklären und so zu gewährleisten, dass der hörgeschädigte Berufsschüler das Maximale aus der Bildungssituation mitnehmen kann.

Die Aufgaben des Tutor-Dolmetschers (zum Beispiel HAUG 2003; LEVEN 1997) sind ähnlich wie die des Integrationspädagogen. Neben der anderen Begrifflichkeit (Integrationspädagoge vs. Tutor-Dolmetscher), sind (mögliche) Aufgaben des Tutor-Dolmetschers komplexe Unterrichtsinhalte in DGS verständlich zu machen, Fachbegriffe anhand von konkreten Beispielen zu erklären und das soziale Geschehen in der Klasse, zum Beispiel Witze usw., zu dolmetschen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen einem Tutor-Dolmetscher und einem professionellen Gebärdensprachdolmetscher ist, dass sich der Einsatzbereich eines Tutor-Dolmetschers primär auf (berufliche) Bildungssituationen bezieht, während ein Gebärdensprachdolmetscher- auch wenn sich im Laufe der Berufstätigkeit eine fachliche Spezialisierung herausbildet - als Simultandolmetscher in unterschiedlichsten Einsatzgebieten tätig sein wird (s. auch LEVEN zu ihren Überlegungen über einen Studiengang Gebärdensprachdolmetschen, 1997, 263).

Konkreter bedeutet das, dass ein professioneller Gebärdensprachdolmetscher simultan zum Beispiel einen kompletten Unterrichtsverlauf oder eine Vorlesung an der Universität, als auch Meldungen und Diskussionen, einen Arztbesuch oder eine Betriebsversammlung dolmetschen wird, während ein Tutor-Dolmetscher - schon alleine aus zeitlichen Gründen - nicht in der Lage sein wird, das gesamte Unterrichtsgeschehen auch nur annähernd simultan zu dolmetschen. Im besten Fall wird er eine konsekutive Verdolmetschung realisieren können. Aber gerade diese Verbindung aus Dolmetschund Tutorentätigkeit würde es in integrativen Bildungssituationen ermöglichen, dass die Hörgeschädigten in der Lage sind, das Maximale aus einer Bildungssituation mitzunehmen.

Im Jahr 2003 wurden die ersten Schreibdolmetscher in Leipzig und Dresden ausgebildet2. Ihr Aufgabenbereich ist es, die gesprochenen Worte simultan in einen Computer zu schreiben. Der Computer ist mit einer Art Stenographie-Tastatur ausgerüstet, um einen schnelleren Anschlag und somit eine schnellere Übermittlung zu gewährleisten. Das Geschriebene wird dann mittels Beamer auf eine Leinwand projiziert, um so dem hörgeschädigten Schüler oder 'Zuhörer' als Lesegrundlage zu dienen. Schreibdolmetschen wird, wenn es eingesetzt wird, überwiegend für Schwerhörige und ertaubte Menschen als Unterstützung in der Kommunikation, bei einem Vortrag oder als Ersatz für einen Gebärdensprachdolmetscher benutzt. Es ist somit nur für bestimmte Hörgeschädigtengruppen geeignet. Leider schleichen sich aufgrund der hohen Schreibgeschwindigkeit auch hin und wieder Schreibfehler ein.

Bisher ist dieses Verfahren sehr neu und bundesweit noch nicht sehr verbreitet. Es gibt beispielsweise bei Großveranstaltungen manchmal einen Schreibdolmetscher, doch im Großen und Ganzen findet diese Form der Übermittlung bisher eher selten Anwendung. In der beruflichen Bildungssituation ist bisher nicht bekannt, dass auf diese Form des Transfers zurückgegriffen werden kann. Doch der Vollständigkeit halber soll dies hier erwähnt werden.

4.1 Beschreibung von Unterrichtssituationen mit Tutor-Dolmetschern
In einer integrativen Unterrichtssituation können sich die Aufgaben eines Tutor-Dolmetschers, bedingt durch individuelle Bedürfnisse der Auszubildenden oder Umschüler, wie zum Beispiel allgemein sprachliche Kenntnisse und allgemeiner Wissensstand, stark unterscheiden. Das ist zudem beeinflusst durch die Form des Unterrichts: handelt es sich zum Beispiel um reinen Theorieunterricht oder um Unterricht mit hohem Praxisanteil, in welchem den Teilnehmern Aufgaben erklärt werden, die sie anschließend umsetzen sollen (zum Beispiel das Arbeiten an einer Fräsmaschine in der Werkstatt).

Im Theorieunterricht wird es deutlich, dass reines Dolmetschen nicht ausreichen würde, damit der Hörgeschädigte das Maximale aus der Bildungssituation mitnehmen kann. Es sind Fachbegriffe zu erklären und abstrakte Unterrichtsinhalte in DGS verständlich zu machen.

Folgend nun ein konkretes Beispiel: Im Fach Rechnungswesen werden die Begriffe 'Forderungen' und 'Verbindlichkeiten' neu eingeführt. Die Begriffe allein haben für den Hörgeschädigten keine Bedeutung. In ein konkretes (gebärdetes) Beispiel eingebettet werden sie verständlich:

- Ich besitze ein Geschäft. Ich bestelle Waren bei einer Firma. Die Firma liefert die Waren. Ich bekomme eine Rechnung, d.h., dass ich Verbindlichkeiten (Schulden) bei der Firma habe, die die Waren geliefert hat.

- Ich verkaufe Waren an einen Kunden, d.h. ich habe Forderungen gegenüber den Kunden. Der Kunde schuldet mir Geld.

4.2 Qualifikationen von Tutor-Dolmetschern
Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, wie Qualifikationen von Tutor-Dolmetschern aussehen könnten. Tutor-Dolmetscher nehmen unterschiedlichste Aufgaben wahr, d.h., dass ihre Aufgabe über das reine Dolmetschen hinausgeht. Sie müssen Unterrichtsinhalte oder bestimmte Wörter erklären, damit der Hörgeschädigte überhaupt die Inhalte und den Gesamtkontext versteht.

Neben einer hohen Kompetenz in Deutscher Gebärdensprache (DGS) und Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG), ist eine hohe Dolmetschkompetenz wichtig. Selbstverständlich muss er sich - wie ein professioneller Gebärdensprachdolmetscher auch - thematisch einarbeiten. Des Weiteren ist eine sonderpädagogische Kompetenz wichtig, d.h. die Aufmerksamkeit für die Teilnehmer innerhalb des zu dolmetschenden Unterrichts zu haben. Beispielsweise zu sehen, wann die Unterrichtsinhalte von dem hörgeschädigten Teilnehmer nicht verstanden werden, den Dozenten zu unterbrechen und eine nähere Erklärung für die Teilnehmer einzufordern. Ebenso gehört dazu die Teilnehmer zu ermuntern, dass sie Bescheid geben, wenn die Unterrichtsinhalte nicht verstanden haben. Weiterhin, dass die Inhalte mit Beispielen untermauert sind, so dass die Teilnehmer den Inhalten bestmöglich folgen können.

Daraus lässt sich das Fazit ziehen, es sollte einen eigenen Ausbildungsgang oder eine Ausbildungsrichtung für Tutor-Dolmetscher geben. Neben dem Schwerpunkt des Simultandolmetschens sollten darin enthalten sein: Wann welche Unterrichtssequenzen in Zusammenarbeit mit dem Dozenten speziell für Hörgeschädigte gedolmetscht werden müssen oder wie der Dolmetscher eigenständig Teile hörgeschädigtengerecht übersetzt und der Dozent für diese Zeit den Unterricht unterbricht. Diese Aufgaben bringen ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstständigkeit mit sich, auf die der Tutor-Dolmetscher ebenso vorbereitet werden sollte. Weiterhin wäre es wichtig, diese Tätigkeit mit dem Dozenten abzustimmen, so dass eine Zusammenarbeit möglich ist.

5. Verbesserungsmöglichkeiten - Bessere Zusammenarbeit von Dozenten und Dolmetschern
Berufliche Bildungssituationen, in denen hörgeschädigte und hörende Menschen zusammen unterrichtet werden, stellen eine hohe Herausforderung für Dozenten und Tutor-Dolmetscher dar. Um diese Situation für alle Beteiligten am sinnvollsten zu gestalten, ist es wichtig, dass die Zusammenarbeit zwischen Dozent und Tutor-Dolmetscher klappt und dass auch die Aufgaben, die mit der Funktion eines Dozenten beziehungsweise eines Tutor-Dolmetscher verbunden sind, geklärt sind.

Ein wichtiger Punkt in der Zusammenarbeit von Dozenten und Tutor-Dolmetschern ist, dass bei Dozenten häufig das Wissen über den Umgang und den Bedürfnissen hörgeschädigter Menschen fehlt. Dieses fehlende Wissen sollte durch Informationsangebote (zum Beispiel Kurzreferate, Informationsbroschüren) den Dozenten angeboten werden, um sie für das Thema zu sensibilisieren. Nur so könnten sie einen anderen Blick für eine Unterrichtssituation bekommen, wie sie am Anfang dieses Artikels beschrieben wurde.

Durch einen intensiven Austausch und Absprachen zwischen dem Dozenten und dem Tutor-Dolmetscher wäre es möglich, dass ein gutes Arbeitsteam entsteht, in dem es eine klare Aufgabenverteilung gibt.

So wäre es wünschenswert, wenn der Dozent zum Beispiel
- Unterrichtsmaterialien hörgeschädigtengerecht gestalten würde, zum Beispiel bei Diktaten im Deutschunterricht einen Lückentext einzusetzen,
- Unterrichtsmaterialien wie zum Beispiel Tafelbilder möglichst in einfachem Deutsch halten würde,
- Unterrichtsinhalte durch konkrete Beispiele verdeutlicht,
- die Bereitschaft hat, sich bei Fragen und Verständnisproblemen auf den Hörgeschädigten einzulassen und nicht die eigentliche Unterrichtsvermittlung dem Tutor-Dolmetscher überlässt,
- stärker die Phasen des Unterrichtens/Erklärens und des Abschreibens trennt
- Unterrichtsmaterialien zur Vorbereitung für den Tutor-Dolmetscher bereitstellt

Die Aufgaben des Tutor-Dolmetschers sind es,
- dass der Hörgeschädigte den Unterrichtsinhalt mitbekommt,
- dass ggf. Inhalte durch zusätzliches Erklären oder anhand von Beispielen verständlich gemacht werden,
- dem Dozenten Bescheid zu sagen, wenn der Hörgeschädigte mehr Zeit braucht für zum Beispiel Ergänzungen und Beispiele.

Eine klare Aufgabenverteilung von Dozent auf der einen und dem Tutor-Dolmetscher auf der anderen Seite kann dazu beitragen, dass der Hörgeschädigte das Beste aus einer Bildungssituation mitnehmen kann.

5.1 Hörgeschädigtengerechtes Unterrichtsmaterial
Für das Unterrichtsmaterial für Hörgeschädigte sollten einige Punkte beachtet werden. Es sollten keine zu langen und schwierigen Texte sein. Außerdem sind Auflockerungen innerhalb der Texte, beispielsweise Lückentexte, ideal für Hörgeschädigte. Die Erfahrung im Unterricht zeigt, dass normale Kopien aus Büchern für Hörende für Hörgeschädigte nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind. Oftmals fehlen die Beispiele oder kleine Grafiken, damit der Inhalt gut verstanden werden kann.

Es ist beispielsweise leicht möglich, Kopien aus den Büchern für Hörende zu nehmen und diese nur ein wenig zu verändern. Die Inhalte sollen nicht vereinfacht oder geschmälert werden, sondern schlicht und ergreifend der visuellen Wahrnehmung angepasst werden. Hörgeschädigten fällt es dann leichter zu folgen und sie können eine gewisse Freude am Unterricht entwickeln, die der Motivation förderlich ist, um sich überhaupt weiter einer solchen Situation auszusetzen. Denn die normale Situation ist, dass sie in der Mehrheit der Hörenden, mit deren Umgangsformen, Unterrichtsmaterialien und Lebensweisen zurechtkommen müssen.

Auf den ersten Blick sieht das nach einem erheblichen Mehraufwand für den Unterricht aus, doch es wird sich in der gesamten Unterrichtsgestaltung positiv auswirken. Die Hörgeschädigten hätten genauso die Chance dem Unterricht zu folgen wie die Hörenden, der Dolmetscher und der Dozent hätten es einfacher bei der Vermittlung des Stoffes und es würde ein gemeinsames Niveau für alle Teilnehmer geschaffen werden.

5.2 Förderung und Unterstützung der Selbstständigkeit
Eine wünschenswerte Verbesserungsmöglichkeit in Bezug auf die hörgeschädigten Menschen wäre die Förderung und Unterstützung zu mehr Selbstständigkeit, damit sie das Beste aus einer beruflichen Bildungssituation mitnehmen können. Den Hörgeschädigten sollte verdeutlicht werden, dass es auch in ihrer Verantwortung liegt, bei Verständnisschwierigkeiten beim Dozenten nachzufragen und um Erklärungen zu bitten. Oft ist die Einstellung der Teilnehmer, dass sie den Tutor-Dolmetscher als eine Art 'Hilfslehrer' sehen und ihnen nicht die Funktionsunterschiede zwischen Dozent und Dolmetscher bewusst sind. Denn es ist einfacher den Dolmetscher zu fragen, dieser beherrscht schließlich die Sprache des Hörgeschädigten. Diese Differenzierung könnte durch spezielle Informationsangebote für hörgeschädigte Menschen, zum Beispiel Workshops, vor Beginn einer Bildungsmaßnahme erreicht werden.

Das Ziel wäre, dass der Hörgeschädigte den Dozenten fragt, was zum Beispiel die Begriffe 'Forderungen und Verbindlichkeiten' bedeuten. In der momentanen Situation ist eine eindeutige Rollenaufteilung nicht geklärt. Das heißt, dass der Hörgeschädigte die Frage an den Tutor-Dolmetscher stellt, dieser sie selbst beantwortet oder voict und so an den Dozenten weiter gibt. Das zu letzt skizzierte Vorgehen, also die reine Sprachvermittlung zwischen Hörgeschädigten und Dozenten, wird von professionellen Gebärdensprachdolmetschern praktiziert.

6. Wünschenswerte Konsequenzen für die Arbeitswelt
Gerade nach der Ausbildung, in der Hörgeschädigte noch mit anderen Hörgeschädigten zusammen lernen, kommt die Realität in der Arbeitswelt zum Tragen. Denn die Hörgeschädigten werden durch die Kommunikationsunterschiede mit hörenden Arbeitskollegen selten gemeinsame Gesprächsthemen haben. Da sie sich in der Freizeit mit anderen Hörgeschädigten treffen und viele Freizeitinteressen wie beispielsweise Kino, Theater, Konzerte und typische Dinge aus der Welt der normal Hörenden nicht besuchen werden.

Das Berufliche wird für die Hörgeschädigten schwer zu verstehen sein, da sie beim Worte vom Mund absehen nur ein Drittel des Gesagten verstehen. Oft sind Kollegen irgendwann strapaziert, da im Arbeitsalltag schnell die Hörbehinderung vergessen wird. Denn den Hörenden ist die Komplexität von Gehörlosigkeit nicht bewusst. Je mehr ein Hörgeschädigter von Anfang an gelernt hat, auf seine Bedürfnisse zu achten, umso mehr kann er dies seinen hörenden Kollegen vermitteln und sich für seine Bedürfnisse einsetzen. Sei es allein durch die Betriebsversammlungsprotokolle, die in einfacher und verständlicher Form geschrieben werden und so dem Hörgeschädigten die Betriebsinterna vermitteln.

Doch immer wieder darauf hinzuweisen, dass trotz des Wunsches, normal seine Arbeit erledigen zu wollen, Hindernisse auftreten können und auch werden ist für einen Hörgeschädigten auch mühsam.

Wenn ein Hörgeschädigter in seiner Ausbildung erfahren hat, dass ohne viel Aufwand auf seine besonderen Bedürfnisse Rücksicht genommen werden kann, entwickelt er vielleicht den Mut, dies an seinem Arbeitsplatz mit einigen Kollegen umsetzen zu können. Oft genug kommt es zu Verhärtungen innerhalb der Arbeitsbeziehungen am Arbeitsplatz, so dass die Zusammenarbeit zunehmend erschwert wird.
Auswirkungen sind oftmals, dass der Hörgeschädigte sein theoretisches Fachwissen nicht wie gewünscht in die firmentypischen Arbeitsabläufe einbringen kann, da ihm die genauen kleinen praktischen Bausteine für genau diese Firma fehlen. Wenn der Hörgeschädigte in seiner Ausbildung gelernt hätte, dass und wie es möglich sein kann, seine Bedürfnisse zu beachten, wie beispielsweise adäquate Erklärungen zu bekommen und einen Gebärdensprachdolmetscher für zum Beispiel Abteilungsbesprechungen, dann hätte er zumindest in der Praxis die Möglichkeit dies umzusetzen. Denn so hätte er eine positive Erfahrung gemacht, auf die er zugreifen könnte.

7. Fazit
Ziel dieses Artikels ist es, integrative berufliche Bildungssituationen Hörgeschädigter zu beschreiben und unter unterschiedlichsten Aspekten zu beleuchten. Diese Aspekte, wie zum Beispiel die häufig nicht hörgeschädigtengerechte Unterrichtsmaterialien, der Unterrichtsstil des Dozenten, der Bedarf nach Tutor-Dolmetschern (in Abgrenzung zu professionellen Gebärdensprachdolmetschern) usw. wurden aufgezeigt und mögliche Lösungsansätze vorgestellt.

Fazit ist, dass das Thema der beruflichen Bildung Hörgeschädigter ein bis jetzt sehr vernachlässigter Bereich ist, dem mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Wünschenswert wäre eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema, beispielsweise in einer Fachzeitschrift oder auf einer Tagung.

Fußnoten:
1 In diesem Artikel als hörgeschädigte Menschen benannte Teilnehmer sind DGS-Benutzer. Es schließt Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit, Ertaubung ein.
2 Informationen bei der DSB-Bundesgeschäftsstelle Berlin, DSB@schwerhoerigkeit.de oder
http://www.schwerhoerigkeit.de/RATGEBER/TECHNIK/PLANUNG/schreibdolmetscher.htm


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Heilpädagogik online
Homepage: https://sonderpaedagoge.quibbling.de/hpo/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA2497


Informationsstand: 17.05.2005

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