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Bibliographische Angaben zur Publikation

Gestützte Kommunikation: Mythos oder Realität?


Autor/in:

Adam, Heidemarie


Herausgeber/in:

Barsch, Sebastian; Bendokat, Tim; Brück, Markus


Quelle:

Heilpädagogik online, 2003, Stand: 01.07.2003, 2. Jahrgang (Heft 3), Seite 3-20, Köln, Dortmund, Brühl: Eigenverlag, Online-Ressource, ISSN: 1610-613X


Jahr:

2003



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Abstract:


Eindruck einer Betroffenen

Susanne SCHÄFER berichtet im Anschluss an den Besuch einer Tagung des Vereins Hilfe für das autistische Kind Folgendes: Man hatte teilweise den Eindruck, dass alte Mythen über das sogenannte geheimnisvolle, autistische Kind, das sich zwar aus Furcht vor der Welt total abschottet, kein Wort spricht, aber in Wirklichkeit hochintelligent ist und ganz tolle Fantasien hat, wieder gefördert statt bekämpft wurden. Stichwort: Gestützte Kommunikation - Wunder. Im Ausland lachen sie darüber, was hierzulande im Fernsehen und in der Literatur darüber berichtet wird, weil das bisher keiner wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten hat (SCHÄFER 2002, 203).

Susanne SCHÄFER hatte viel Hilfe bei der Bewältigung ihres Problems von schwedischen und norwegischen Wissenschaftlern erhalten und dort verschiedene Kongresse besucht. Sie ist eine junge Frau, deren Leben sehr stark durch die Tatsache geprägt ist, dass sie von Autismus betroffen ist. Einerseits ist sie normal intelligent und schafft sogar das Abitur. Andererseits kann sie das innere Chaos nur durch die strikte Einhaltung vieler Rituale und sogenannte Zwangshandlungen bewältigen. Sie gehört zu den 0,3 bis 0,4 Prozent der Bevölkerung, deren Zustand als Asperger-Syndrom beschrieben wird.

Anwendung in Deutschland
In der Tat erfreut sich die Gestützte Kommunikation in Deutschland seit einigen Jahren außerordentlich großer Beliebtheit. Sie wird inzwischen nicht nur bei Menschen mit autistischen Verhaltensweisen eingesetzt. Es wird behauptet, dass auch Menschen mit Down Syndrom, Rett-Syndrom, Cerebralparese und mit geistiger Behinderung unklarer Genese sich mit Hilfe von FC mitteilen können (BUNDSCHUH, 361). Schaut man sich die Berichte der Befürworter der Methode an, so gewinnt man den Eindruck, dass die kognitiven Fähigkeiten der Mehrzahl der Menschen mit geistiger Behinderung in der Vergangenheit unterschätzt wurden. 'FC - eine Methode rüttelt am Bild der geistigen Behinderung' ist der Titel eines Artikels von Arnd MÜNSTER. Allerdings ist dieser Beitrag nicht besonders fundiert. Insbesondere ist ärgerlich, dass die Hinweise auf AutorInnen wie Christiane NAGY, Douglas BIKLEN, Konrad BUNDSCHUH, Andrea BASLER-EGGEN, Gerhard SCHAER und Andrea ALFARÉ nicht durch entsprechende Literaturverweise gestützt werden. Kritische LeserInnen haben deshalb kaum eine Möglichkeit, die aufgestellten Behauptungen zu überprüfen.

Unerwartete Erfolge
Seit einigen Jahren berichten Eltern und PraktikerInnen von großen Erfolgen, die durch die Gestützte Kommunikation erreicht werden können. Es schien endlich ein Mittel gefunden worden zu sein, um diesen Menschen zu helfen, sich zu äußern und ihre Empfindungen mitzuteilen.

Validierungsversuche
Neben den Erfolgsmeldungen waren aber schon bald kritische Stimmen zu hören. Es wurden unter anderem in den USA eine Reihe kontrollierter Studien zur Validität der FC durchgeführt. Bei den meisten der beteiligten Versuchspersonen konnte keinerlei authentische Kommunikation nachgewiesen werden. Eine inhaltliche Steuerung der Versuchspersonen durch die StützerInnen war dagegen nachweisbar. Studien, die zu positiven FC-Ergebnissen kamen, hatten durchweg große methodische Mängel. Außerdem ging auch dort die kommunikative Leistung der Probanden fast nie über das Übermitteln von einzelnen Buchstaben, Zahlen oder Sichtwörtern hinaus.

Es gibt bis jetzt keine Studie, mit der belegt werden kann, dass ein Schreiber oder eine Schreiberin in der Lage ist, mit Hilfe von FC elaborierte Texte zu produzieren. Dieses Ergebnis hat dazu geführt, dass die Hoffnungen, die man anfangs auf FC gesetzt hatte, in Ländern wie Skandinavien, Österreich und den USA wieder begraben worden sind. Ein eindrucksvolles Dokument dieses Prozesses ist der Film: Prisoners of Silence. Er wurde im deutschen Fernsehen von Spiegel-TV ausgestrahlt.

In Deutschland wird aber immer noch eine heftige, teilweise sehr emotionale Debatte um das Pro und Kontra von Gestützter Kommunikation geführt. Die folgenden Ausführungen sollen den Hintergrund der Diskussion beleuchten und fragwürdige Aspekte der Gestützten Kommunikation darstellen.

Die Methode
Die Methode wurde von der Australierin Rosemary Crossley entwickelt und unter dem Namen Facilitated Communication (abgekürzt FC) bekannt. Nachdem Douglas BIKLEN von der Syracuse University (New York) FC in zahlreichen Publikationen der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, breitete sie sich ab 1990 in den USA außerordentlich rasch aus (vergleiche BIKLEN 1993). Von dort kam sie dann auch nach Deutschland. Inzwischen gibt es unzählige Beschreibungen der Art und Weise, wie FC durchgeführt wird (vergleiche ADAM 2003, 144 ff.). Deshalb soll an dieser Stelle auf eine erneute ausführliche Darstellung verzichtet werden. In der Dissertation von Adrienne BIERMANN findet sich eine sehr fundierte Auseinandersetzung mit der Methode (vergleiche BIERMANN 1999).

Kernpunkt der Gestützten Kommunikation ist die physische Hilfe, die die schreibende Person durch Stützerin oder Stützer erhält. Es gibt Abstufungen der Intensität der Stütze, die Monika LANG wie folgt beschreibt: Es wird gestützt
- an der Hand mit Isolierung des Zeigefingers,
- die Hand des Schreibers liegt in der offenen Hand des Stützers,
- die Hand des Stützers liegt unter Unterarm, Ellbogen oder Oberarm des Schreibers,
- Berührung an der Schulter oder anderen Körperteilen des Schreibers,
- der Stützer sitzt neben dem Schreiber oder steht hinter ihm ohne körperliche Berührung.
Dabei gilt immer das Prinzip der Minimalstütze mit dem meist langfristigen Ziel der Unabhängigkeit des Schreibers vom Stützer (das sogenannte Ausblenden) (LANG 2003, 141).

Stützen und Gestützte Kommunikation
Unabhängig davon, wie man die Gestützte Kommunikation bewertet, muss an dieser Stelle darauf hin gewiesen werden, dass es gute sonderpädagogische Praxis ist, Menschen, die eine Handlung nicht selbstständig durchführen können, durch Handführung oder eine andere physische Unterstützung zu helfen, einen Bewegungsablauf zu erlernen. Soll ein Kind lernen, mit dem Löffel zu essen, so werden Eltern oder BetreuerInnen die Hand des Kindes mit der eigenen Hand umschließen und ihm helfen, den Löffel zum Munde zu führen. Ähnlich wird bei vielen Tätigkeiten des praktischen Lebens vorgegangen.

Der Unterschied zur Unterstützung bei der Gestützten Kommunikation ist in den der FC zugrundeliegenden Annahmen zu suchen. Wird Essen mit dem Löffel durch Handführung geübt, so gehen die BetreuerInnen davon aus, dass das Kind diese Fähigkeit noch nicht besitzt, aber durch Übung erwerben kann. Ähnlich wie bei FC ist es das erklärte Ziel, die physische Unterstützung möglichst rasch wieder auszublenden. Gelingt dies Ausblenden der physischen Unterstützung nicht, wird das Ziel in kleinere Teilschritte zerlegt, ein motivierenderes Nahrungsmittel gewählt oder ein anderer Löffel eingeführt.

Im Rahmen von FC-Trainings wird dagegen davon ausgegangen, dass ein Kind beziehungsweise ein Jugendlicher bereits lesen und schreiben kann und nur aufgrund motorischer Probleme, Wortfindungsstörungen oder ähnlichem nicht in der Lage ist, seine wirklichen Fähigkeiten zu zeigen.

Die Rolle der StützerInnen
Nach Meinung der BefürworterInnen hängt das Gelingen gestützter Kommunikation stark von den Einstellungen und Haltungen der StützerInnen ab (DUCHAN 1993). Die stützende Person muss davon überzeugt sein, dass die Schülerin beziehungsweise der Schüler im Prinzip zu differenzierter Kommunikation in der Lage ist, auch wenn diese Fähigkeit bisher noch nicht gezeigt wurde. Weitere notwendige Voraussetzungen sind die Fähigkeit, emotionale Unterstützung geben zu können, immer wieder zu ermutigen, ständig Geduld und Zuversicht zu zeigen. Zu Beginn sollten mit Hilfe einfacher und vertrauter Inhalte Erfolgserlebnisse vermittelt werden. Wenn die FC-Kommunikation trotzdem misslingt, sollte dies nie der Schülerin oder dem Schüler angelastet werden. CROSSLEY empfiehlt den Stützerinnen und Stützern negative Erwartungen und Einstellungen möglichst vollständig zu überwinden (CROSSLEY 1994, S. 46). Grundsätzlich werden die physische und die emotionale Unterstützung als gleichbedeutend und gleich wichtig erachtet.

Theoretische Annahmen
Nach Ansicht von FC-VertreterInnen liegt den meisten Kommunikationsstörungen ihrer Klientel eine globale Dyspraxie zugrunde. CROSSLEY vermutet, dass aufgrund einer neurologischen Störung die willkürlichen, zum Sprechvorgang oder zum Bedienen einer Kommunikationshilfe notwendigen Muskelbewegungen nicht steuerbar sind (CROSSLEY 1994, S.134). Die Wirkungsweise von FC besteht darin, dass durch eine Vereinfachung und Verlangsamung gegenüber der normalen Bewegung neuromotorische Widerstände überwunden werden können (BIKLEN 1993, S.64ff). CROSSLEY erklärt das unerwartet hohe sprachliche Niveau der FCKommunikationen damit, dass der Leselernprozess bei ihrer Klientel unbemerkt, ohne formalen Lehrprozess stattgefunden habe. Sie glaubt, dass für den Leselernprozess ähnliches gilt wie für den Lautspracherwerb. Dieser erfolgt nicht durch Belehrung, sondern dadurch, dass Säugling und Kleinkind ständig von lautsprachlichen Äußerungen umgeben sind. Für erleichternd hält sie die Tatsache, dass die Schrift im Vergleich zum gesprochenen Wort ein dauerhaftes Medium ist und damit zur Dekodierung mehr Zeit lässt. Auch hält sie es generell für möglich, dass die Schriftsprache ohne Kopplung an die Lautsprache erlernt werden kann.

Richtig an Rosemary CROSSLEYS Behauptung ist, dass die geistigen Fähigkeiten von Menschen ohne Lautsprache, die gleichzeitig schwer körperbehindert sind, in der Vergangenheit außerordentlich häufig falsch eingeschätzt worden sind. In dem Maße, wie ihnen Talker und andere Kommunikationshilfen zu Verfügung gestellt wurden, konnten sie ihre Fähigkeiten zeigen. Einer meiner Studenten hat 1990 eine Examensarbeit über einen schwerstmehrfach behinderten jungen Mann geschrieben. Er wollte ihm einfache Computerspiele beibringen, um ihm eine altersgemäße Freizeitbeschäftigung zu eröffnen. Der junge Mann konnte nur einen großen Zeh willkürlich bewegen. Die Computertastatur wurde so angebracht, dass die Bedienung mit dem Fuß möglich wurde. Der junge Mann hat die Spiele auch gelernt, war aber nicht so begeistert wie der Student es erwartet hatte. Immer wenn er ein Spiel verstanden hatte, wollte er ein neues haben. Schließlich sind dem Studenten die Spiele ausgegangen. Da die Stunde noch nicht zuende war, hat er ihn an einem Textverarbeitungsprogramm arbeiten lassen. Der junge Mann schien nur auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Zur größten Überraschung des Studenten tippte er die Namen aller seiner Klassenkameraden in den Computer.

Auch bei diesem Schüler hatte niemand gewusst, in welchem Umfang er über eine innere Sprache verfügte und dass er bereits lesen und schreiben konnte. Rückblickend wurde klar, dass er dem Leseunterricht seiner Klasse aufmerksam gefolgt ist. Die Namen der Schüler sind in der Regel in Schulen für Geistigbehinderte an den Kleiderhaken, auf Tischen, Stühlen, Tassen und dem Ämterplan gut sichtbar angebracht. Der junge Mann hatte also viele Jahre Gelegenheit gehabt, sich gerade die Namen der Klassenkameraden gut einzuprägen.

Der Unterschied zwischen diesem Fall und FC-Schreiben liegt im Grad der Selbstständigkeit. Der hier beschriebene junge Mann konnte einen Zeh willentlich bewegen. Er hat die Namen getippt, ohne dabei gestützt zu werden.

Ergebnisse von empirischen Untersuchungen
Empirische Überprüfungen zur Wirksamkeit der gestützten Kommunikation waren zunächst deshalb kaum durchführbar, weil FC-VertreterInnen die Methoden herkömmlicher empirischen Forschung für unangemessen hielten. Äußere Anlässe, vor allem gerichtlich angeordnete Überprüfungen der Urheberschaft bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs, übten einen deutlichen Druck aus, empirische Untersuchungen durchzuführen. BLIGH und KUPPERMAN (1993: Facilitated communication evaluation procedure accepted in a court case) haben eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie man experimentell vorgegangen ist. Es ging um die Frage, ob die FC-Kommunikationen von der stützenden Person inhaltlich beeinflusst waren.

Bei der von BLIGH und KUPPERMAN beschriebenen Probandin handelte sich um ein zehnjähriges, stark sehbehindertes Mädchen. Die Entwicklung war sehr verlangsamt verlaufen und sie zeigte autistische Verhaltensweisen. Stützerin war die Lehrerin des Kindes, die eine FC-Schulung absolviert hatte. Im Rahmen des FCTrainings hatte die Lehrerin jeweils eine Frage in den Computer eingegeben. Die Schülerin hatte diese vom Bildschirm abgelesen und mit Hilfe ihrer Lehrerin eine Antwort in den Computer eingetippt.

Im Rahmen der Untersuchung wurden die Versuchsbedingungen vierfach variiert.
1) FC-Kommunikation, ohne dass die stützende Lehrerin die Tastatur einsehen kann,
2) Das Kind bekam schriftlich Fragen gestellt, die die Stützerin nicht einsehen durfte.
3) Die Stützerin durfte die Fragen sehen, die dem Kind gestellt wurden, aber die Fragen waren so ausgewählt, dass nur das Kind - nicht die Stützerin die Antwort kannte.
4) Die Stützerin sah die Fragen. Kind und stützende Lehrerin kannten die Antworten

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass richtige Antworten nur unter der Bedingung zustande kamen, dass die stützende Lehrerin sowohl Einblick in die Fragen hatte, als auch über die richtigen Antworten vorher orientiert war. Die Ergebnisse legen nahe, dass die FC-Kommunikationen inhaltlich durch die stützende Lehrerin gesteuert waren. Damit lieferten die Untersuchungsergebnisse vor Gericht keinen Beweis für unabhängige FC-Kommunikation dieses Mädchens, denn richtige Antworten kamen ohne den Einfluss der Stützerin nicht zustande. Konsequenterweise wurden die FC-Kommunikationen, in denen ein Elternteil des Missbrauchs bezichtigt worden war, vor Gericht nicht als Beweismittel anerkannt.

Zum Thema der Überprüfung der FC-Effektivität sind weitere Untersuchungen durchgeführt worden. Eine zusammenfassende Analyse von 15 Studien, die zwischen 1991 und 1995 publiziert worden sind, ist 1995 von JACOBSON et al. vorgelegt worden.

Ziel der Untersuchungen war, herauszufinden, ob die Quelle der FC-Kommunikation die behinderte oder die stützende Person war. Man entwickelte Untersuchungsbedingungen, bei denen der Einfluss der stützenden Person systematisch variiert werden konnte. Dabei wurden unterschiedliche Methoden angewandt, um den Einfluss der stützenden Person zu kontrollieren.

- Eine davon ist das sogenannte Message-passing. Hierbei wird der Person mit der Kommunikationsstörung in Abwesenheit der stützenden Person ein Bild, Objekt oder Filmausschnitt gezeigt oder mit ihr eine Aktivität durchgeführt. Unmittelbar danach findet eine FC-Sitzung statt, in der nach einer Beschreibung des Objektes oder Vorgangs gefragt wird.
- In einer anderen experimentellen Anordnung wurde ein Karten-Set mit einer Auswahl einfacher Lückensätze und Fragen vermischt mit Blanko-Karten verwendet, die der behinderten Person mit beziehungsweise ohne Einblicksmöglichkeit für die stützende Person vorgelegt wurden. Die stützende Person wusste bei dieser Versuchsanordnung nicht, ob überhaupt eine Frage gestellt worden war beziehungsweise welche.
- Außerdem wurden Fragen aus Bereichen gewählt, über die die stützende Person nicht Bescheid wissen konnte (siehe oben).
- Weiterhin setzte man Zwischenwände und Kopfhörer ein, um eine etwaige Einflussnahme der stützenden Personen zu verhindern.

Der Vergleich dieser 15 experimentellen Untersuchungen, an denen insgesamt 126 FC-Nutzer beteiligt waren, erbrachte ernüchternde Ergebnisse:

War der Einfluss der stützenden Person systematisch ausgeschlossen worden, konnte kein FC-Effekt beobachtet werden. Von 126 FC-Nutzern gab es lediglich vier Probanden mit sinnvollen Kommunikationen. Nur bei zwei dieser vier ließen sich die Ergebnisse wiederholen. Damit beläuft sich die Erfolgsquote von FC in dieser Studie auf 1,59 Prozent, ein in der Tat wenig überzeugendes Resultat (vergleiche JACOBSON et al. 1995) .

Man darf dies Ergebnis nicht entkräften, indem man den Untersuchern negative Voreinstellungen zur FC unterstellt. Die meisten Untersuchungen wurden nicht durchgeführt, um FC zu diskreditieren. Die stützenden Personen, die sich beteiligten, waren völlig davon überzeugt, keinen Einfluss auf die FC-Kommunikation auszuüben, und hochmotiviert, dies zu dokumentieren. Dies wird unter anderem in dem oben genannten Film Prisoners of Silence deutlich. Lehrerinnen und Lehrer beschreiben außerordentlich anschaulich, in welche existentiellen Krisen sie geraten sind, nachdem sie die negativen Testergebnisse zur Kenntnis nehmen mussten.

Die kommunikationsgestörten Personen arbeiteten bei den wissenschaftlichen Untersuchungen in der Regel mit der stützenden Person zusammen, an die sie gewöhnt waren. Außerdem wurde versucht, eine möglichst natürliche und stressfreie Situation zu schaffen. Gegen die Behauptung, dass Menschen mit autistischen Verhaltensweisen in Testsituationen nicht adäquat reagieren können, spricht auch die Tatsache, dass sie das richtige schreiben, wenn Stützerin oder Stützer zum Beispiel das gleiche Bild sehen wie sie selbst. Wenn sie tatsächlich total verwirrt wären durch die Testsituation, wären eigentliche keinerlei richtige Antworten möglich.

Adrienne BIERMANN hat sich in ihrer Dissertation ebenfalls mit der Authentizität von Texten beschäftigt, die mit Hilfe der Methode der Gestützten Kommunikation entstanden waren. Sie hat in einer differenzierten Metaanalyse 44 amerikanische Studien untersucht. Es soll hier nicht näher auf das Verfahren eingegangen, sondern nur die Ergebnisse vorgestellt werden.

Folgende Tendenzen wurden deutlich:
- Die Authentizität der FC-Äußerungen ließ sich insgesamt nur bei einem Fünftel der in kontrollierten Studien untersuchten Versuchspersonen nachweisen, dagegen eine Beeinflussung durch die StützerInnen bei drei Viertel der Grundgesamtheit.
- Außerdem ging die kommunikative Leistung der Probanden in fast keinem der dokumentierten Fälle über Einwortmitteilungen hinaus.
- Am Beispiel des möglichen Einflusses von Wortfindungsstörungen auf die Testleistungen zeigte sich, dass sich diese Annahme der FC-BefürworterInnen nicht durch die Daten aus dieser Literaturanalyse stützen lässt.
- Ferner haben, wie sich am Beispiel der Darbietungsmodalität für das Testmaterial aufzeigen lässt, Bedingungen, die den Validitätsnachweis begünstigen, unerwünschte Nebenwirkungen darin, dass gleichzeitig die Beeinflussbarkeit gesteigert wird. Die StützerInnen waren sich jedoch in keiner Weise bewusst, dass eine Beeinflussung stattfand.
- Auch die zum Aufgabenniveau erhobenen Daten stützen die Annahme nicht, dass ein hohes Aufgabenniveau den Nachweis valider FC-Botschaften erleichtert.

Auf dem Hintergrund dieses Ergebnisses ist es überraschend, wenn Monika LANG (2003) betont, dass gerade die Untersuchung von Adrienne Biermann gezeigt habe, dass das Verhältnis der validierten zu den nicht validierten Ergebnissen 1 : 6 sei, und dass dies doch als außerordentlich günstig zu beurteilen sei. Hier werden die Ergebnisse einer Autorin vor einen Karren gespannt, für den sie nicht geeignet sind. Betrachtet man die Mehrzahl der außerordentlich elaborierten Texte, die den mit FC kommunizierenden Personen zugeschrieben werden, dann sind die wenigen einigermaßen gesicherten Einwortkommunikationen ein außerordentlich mageres Ergebnis.

Natürlich sind diese ernüchternden Ergebnisse auf Seiten der FC-BefürworterInnen nicht ohne Widerspruch geblieben. Es ist zu einer Polarisierung bezüglich der Einschätzung der FC als einer wissenschaftlich fundierten Methode gekommen.

FC-VertreterInnen argumentieren, dass es die unnatürliche Testsituation den FC-NutzerInnen praktisch unmöglich mache, adäquat zu reagieren. Deshalb müssten andere Überprüfungsverfahren wie die teilnehmende Beobachtung eingesetzt werden, um die tatsächlichen Fähigkeiten der FC-Nutzer aufzuzeigen.

FC-KritikerInnen halten dagegen, dass an FC die gleichen Maßstäbe wie an andere Methoden der Unterstützten Kommunikation anzulegen seien, bei denen die Effektivitätsüberprüfung ebenfalls durch quantitative Methoden erfolge. Das Zustandekommen der FC-Kommunikationen erklären sie dadurch, dass die stützenden Personen den FC-NutzerInnen unbewusst und ohne Absicht kaum wahrnehmbare Hinweisreize ('cues') geben und damit die Buchstabenauswahl steuern.

Zusammenfassung und Ausblick
In diesem Beitrag wurde die Methode der FC vorgestellt, theoretische Annahmen ihrer VertreterInnen aufgezeigt und empirische Untersuchungsergebnisse zusammengefasst. Die gestützte Kommunikation übt eine große Faszination auf AnhängerInnen und KritikerInnen sowohl unter Eltern, Betreuern, beruflich mit der Klientel Befassten als auch in der breiten Öffentlichkeit aus. Die persönlichen Erfahrungen, von denen stützende Personen und FC-VertreterInnen berichten, stehen im Widerspruch zu empirischen Ergebnissen. Beim gegenwärtigen Diskussionsstand scheint es naheliegend, FC mit Vorsicht und Skepsis zu betrachten, zu störanfällig ist das Zusammenwirken von StützerIn und FC-NutzerIn.

Gegenwärtig kann die Gestützte Kommunikation nicht als eine Kommunikationsmethode betrachtet werden, mit der sich eine zuverlässige, authentische Kommunikation erreichen lässt. Kommunikationserfolge sind selten nachweisbar, Beeinflussung der FC-Botschaften durch die StützerInnen dagegen sehr häufig. Trotz der jahrelangen Anwendung der gestützten Kommunikation gibt es keine wissenschaftlich einwandfrei dokumentierten Fälle, die belegen, dass über diese Methode selbstständiges Schreiben hätte gelehrt werden können.

Deshalb ist vom Einsatz der Methode eher ab- als zuzuraten, zumindest muss über deren Fragwürdigkeit aufgeklärt werden. Kostenträger aus dem Bildungs-, Sozialhilfe- und Gesundheitsbereich sollten ihre Mittel für zuverlässigere Methoden einsetzen, auch wenn sich hier die Erfolge nur mühsam und durch zeitraubende Hilfen erzielen lassen.

An dieser Stelle hat sich meine eigene Sicht im Laufe der Zeit stark verändert. Noch vor wenigen Jahren glaubte ich, dass es legitim sei, FC anzuwenden, wenn andere Methoden der Unterstützten Kommunikation nicht greifen. Ich war der Meinung, dass es zumindest nicht schaden könne, einen Versuch mit FC zu machen. Inzwischen bin ich hier wesentlich vorsichtiger.

Wenn in dem bereits genannten Aufsatz von Arnd MÜNSTER berichtet wird, dass im Auhof Hilpoltstein nicht nur einigen wenigen Menschen FC angeboten wird, sondern 80 Personen von 180, dann ist das doch außerordentlich bemerkenswert. Im Text heißt es, dass es sich um Menschen mit geistiger Behinderung handelt, mit zum Teil zusätzlichen schweren Körperbehinderungen. Nur knapp 10 Prozent von ihnen können die Werkstatt für Behinderte besuchen. Die anderen 90 Prozent sind zu schwer behindert, um das erforderliche Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Leistung zu erbringen. Von dieser Gruppe wird nun gesagt: 'Es ist ein unerklärliches Phänomen, dass sich über 80 Prozent mit Hilfe von FC - nach einer Anbahnungsphase oder spontan - schriftsprachlich mitteilen können.' (MÜNSTER 2003, 44).

In der bereits weiter oben zitierten Dissertation von Adrienne BIERMANN finden sich auch Hinweise auf Evaluationsmöglichkeiten. Es wäre wünschenswert, wenn diese 'unerklärlichen Phänomene' einer Überprüfung unterzogen werden würden.

Wird in Ausnahmefällen FC eingesetzt, und werden von gestützten Äußerungen wichtige Entscheidungen abhängig gemacht, so ist es notwendig, deren Authentizität mit Methoden der Kontrollierten Einzelfallforschung (JULIUS et al., 2000) zu untersuchen. Diese Methodik eignet sich ferner dazu, Effektivitätsvergleiche zwischen unterschiedlichen Kommunikationsmethoden durchzuführen.

Die Ergebnisse der vergleichenden Literaturanalyse (vergleiche BIERMANN, 1999), die Widerlegung theoretischer Erklärungsversuche (vergleiche NUßBECK, 2000) und die Ausführungen zum praktischen Nutzen der Methode (vergleiche BOBER & THÜMMEL, 1999) verlangen eine Fortführung der FC-Diskussion mit dem Ziel, dass:
- die vorliegenden Studien nicht nur mit den Augen der jeweiligen Autoren gesehen, sondern eingehend daraufhin analysiert werden, ob die für Kausalaussagen notwendige experimentelle Kontrolle wirklich gewährleistet war (vgl. BOBER 2000),
- untersucht wird, ob und inwieweit die Ergebnisse bei den Betroffenen zu alltags-relevanten kommunikativen Verbesserungen führen (BOBER & BIERMANN, 2001),
- auf Methoden der Unterstützten Kommunikation aufmerksam gemacht wird, die mit wesentlich positiveren Ergebnissen evaluiert werden konnten wie zum Beispiel das Picture Exchange Communication System (FROST & BONDY 1994) oder der TEACCH-Ansatz (vgl. MESIBOV, 1995) und darauf zu drängen, dass auf breiter Basis sowohl die Validierung der FC im Einzelfall als auch die Effektivität der Gestützten Kommunikation im Vergleich mit anderen Methoden der Unterstützten Kommunikation untersucht werden (BIERMANN 2000).


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Heilpädagogik online
Homepage: https://sonderpaedagoge.quibbling.de/hpo/

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Referenznummer:

R/ZA2491


Informationsstand: 17.05.2005

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