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Bibliographische Angaben zur Publikation

FC - eine Methode rüttelt am Bild der geistigen Behinderung


Autor/in:

Münster, Arnd


Herausgeber/in:

Barsch, Sebastian; Bendokat, Tim; Brück, Markus


Quelle:

Heilpädagogik online, 2003, Stand: 27.12.2002, 2. Jahrgang (Heft 1), Seite 33-48, Köln, Dortmund, Brühl: Eigenverlag, Online-Ressource, ISSN: 1610-613X


Jahr:

2003



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Abstract:


Neue Forschungsergebnisse, flankiert von entwaffnenden Patienten-Äußerungen, die Einblick in bislang verschlossene Wahrnehmungs- und Erlebniswelten geben, revolutionieren und relativieren das Bild der 'geistigen Behinderung'. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat die Kommunikationsmethode FC (Facilitated Communication), zu deutsch: Gestützte Kommunikation.

Wir bringen morgens den elektronisch fiependen Wecker mit einem Klaps zum Schweigen, gratulieren, noch während wir uns anziehen, mit in die Schulter eingeklemmtem Schnurlos-Telefon Tante Hildegard zum 80igsten, um dann auf der Fahrt zur Arbeit per Handy-Freisprechanlage den Kollegen zu bitten, den ausländischen Gast doch bitte vom Flughafen abzuholen. Schnell werden im Büro am Laptop die neuesten E-Mails gelesen, ein Angebot per Fax versandt und im Internet nach einem Update für den Organizer gefahndet. Am Handy meldet sich eine vertraute Stimme mit dem Ansinnen, die reservierten Opernkarten für heute Abend nicht zu vergessen. ..

Immer und überall erreichbar sein, kommunizieren, womit, wohin und mit wem man will - so selbstverständlich für die meisten der Umgang mit den Errungenschaften der Informationstechnologie heute ist, so einzigartig, neu und elementar erleben andere die bloße Möglichkeit, sich mitzuteilen: Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen.

Der 38-jährige M. zählt zu diesem Personenkreis. Er lebt im Auhof, einer großen Einrichtung im mittelfränkischen Hilpoltstein, die 'Hilfen für Menschen mit Behinderungen' anbietet. Von einer Betreuerin wird er im Rollstuhl in einen freundlich-hellen Raum gefahren, direkt an einen Tisch, auf dem ein Computer steht. Die Heilerziehungspflegerin stellt ihm mündlich eine Frage. M. beugt sich ein wenig vor, am linken Unterarm von der Betreuerin gestützt, und beginnt Buchstabe für Buchstabe seine Antwort in die Tastatur zu tippen. Dieses Vorgehen wirkt durchaus routiniert; welche inneren Widerstände M. dabei jedoch zu überwinden hat, das lässt sich allenfalls ahnen.

M. ist ein so genannter FC-Nutzer. Das Kürzel steht für 'Facilitated Communication' (wörtlich: 'Erleichterte Kommunikation'). Den Begriff prägte die australische Therapeutin Rosemary CROSSLEY. Inzwischen hat sich im deutschsprachigen Raum hierfür die Bezeichnung 'Gestützte Kommunikation' eingebürgert. Die Methode wird in Einzelfällen seit über zwanzig Jahren eingesetzt und hat durch die Arbeit CROSSLEYs in den letzten zehn Jahren weltweit Verbreitung gefunden - in Familien, Schulen, Werkstätten und anderen Einrichtungen.

Kommunikation kann, ganz allgemein gesagt, als ein Prozess aufgefasst werden, bei dem ein Sender seine Botschaft/Information verschlüsselt und über einen Informationsträger (Sprache, Schrift, Gestik/Mimik) dem Empfänger übermittelt, der sie nach seinen Möglichkeiten und Bezugssystemen entschlüsselt.

Der Kommunikationsprozess lässt sich also verstehen als Umwandlung persönlicher Gedanken und Gefühle in Symbole, Zeichen oder Wörter, die andere (Menschen) erkennen und ihrerseits wieder in Vorstellungen und Ideen zurückverwandeln können. Vier Kommunikationssysteme transportieren unsere Botschaften: die natürliche Sprache (Wörter, die gesprochen, geschrieben, gezeichnet, gesungen werden), künstliche Sprachen (Musiknoten, mathematische Gleichungen, Computerprogramme), visuelle Kommunikation (Bilder, Diagramme) und nonverbale Kommunikation durch Körperbewegungen (Mimik, Gestik, Gebärden).

Bei der Gestützten Kommunikation nun handelt es sich um eine Methode zur Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten von Menschen, die sich nicht oder nur sehr begrenzt lautsprachlich mitteilen können. Gleichwohl wird davon ausgegangen, dass diese Menschen Lautsprache verstehen können; und dass potenzielle FCNutzer wesentlich kompetenter sind, als bisher von den Bezugspersonen und Fachleuten angenommen wurde, dies aber vor dem Einsatz der Methode nicht offenbaren konnten, da die Handlungskontrolle gestört ist.

Facilitated Communication zählt zur großen Gruppe von Methoden, die unter dem Sammelbegriff 'Unterstützte Kommunikation' (englisch: Augmentative and Alternative Communication, kurz AAC, zu deutsch: sprachergänzende und sprachersetzende Kommunikation) seit geraumer Zeit auch in Deutschland bekannt sind.

Auf Außenstehende, die erstmals mit dieser Methode konfrontiert werden, wirkt FC oftmals fremdartig, ein wenig eigentümlich. Irgendwie fällt es schwer, sich vorzustellen, dass eine berührende Hilfestellung, die so genannte Stütze, Ausdrucks-Barrieren zu überwinden hilft, mithin Kommunikation erst ermöglicht.

Auf die Frage, wie er das Schreiben mit FC erlebt und einschätzt, antwortete M.: 'bin bereit zum schreiben. richtig gut möchte ich erzählen. der wesentliche punkt am anfang war juhu ich kann reden. das war nicht richtig. mein reden verstand keiner. der dolmetscher fehlte. der musste ich selbst werden. suppe im kopf war unsortiert und falsch bezeichnet. Ich musste eure worte einfügen, dann kam die ordnung. heute finde ich mit euren worten meine gedanken zusammen. das ist was ihr hier lesen könnt.' Und er fügt auf die Frage, inwieweit FC-Schreiben für ihn schon Routine sei, hinzu: 'monate vergingen am anfang schnell mit viel mühe und kraftaufwand. Eine steigerung ist ich tippe leicht und schnell. [...] seiten könnte ich füllen.'

Diese Ausführungen deuten an, dass der Einstieg in FC für jeden Benutzer ganz spezifische Probleme mit sich bringt.

Den größten Teil von FC-Nutzern bilden Menschen mit autistischen Störungen. Und diese zeigen sich in unterschiedlichsten Ausprägungen, wie Christiane NAGY, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft FC der Regionalverbände 'Hilfe für das autistische Kind', bestätigt. Störungen im Handlungsbereich, ungewöhnliche, teils drastische Reaktionen, unangepasstes Verhalten: Solche unter Autisten häufig anzutreffende Erscheinungen entziehen sich simplen Erklärungsmustern. Dementsprechend schwierig ist es denn auch, adäquate Therapiekonzepte und Hilfsangebote zu entwickeln. Eines indes lassen die erwähnten Probleme nicht zu: Vorschnelle Rückschlüsse auf die Intelligenz der Betroffenen. Genau das habe man jedoch bisher bei nicht sprechenden autistischen Menschen getan, wenn man sie auf Grund ausbleibender sprachlicher oder verhaltensmäßiger Reaktionen als 'schwer geistig behindert' eingeordnet habe. Über FC beginnen sie sich nun zu artikulieren und ihre Probleme zu schildern: 'Ich möchte mehr handeln können, aber mein Körper macht nicht, was ich sollähnlich im Kopf habe.' (Lutz B.) 'ich werde dann ganz wirr und steuere nicht richtig.' (Christoph N. über den Versuch, eine Handlung zu beginnen).

Nach Meinung der Diplom-Pädagogin Elisabeth EICHEL erscheint es jedoch generell problematisch, Personen allein aufgrund ihrer Diagnose als geeignete FC-Kandidaten vorzuschlagen. Die bisherigen Erfahrungen untermauern die Auffassung, dass FC von Personen erlernt und angewandt werden kann, die folgende Diagnosen und Störungsbilder aufweisen:

- Menschen mit autistischen Störungen, insbesondere frühkindlicher Autismus
- Menschen mit autistischen Zügen
- Menschen mit Chromosomenanomalien (zum Beispiel Down-Syndrom, Rett-Syndrom)
- Menschen mit schweren Körperbehinderungen (zum Beispiel Cerebralparesen)
- Menschen mit geistigen Behinderungen beziehungsweise Hirnschädigungen unklarer Genese

An dieser Stelle seien nur einige, unter FC-Nutzern mit oben beschriebenen Diagnosen besonders weitverbreitete neuromotorische Störungen genannt, die durch die Stütz-Funktion ausgeglichen beziehungsweise in ihren Erscheinungsformen positiv beeinflusst werden können.

Hierzu zählt eine schlechte Auge-Hand-Koordination. Das bedeutet, die Betroffenen können ihre Augen nicht dazu benutzen, ihren Handbewegungen zu folgen und diese zu regulieren. Häufig tritt zudem die Schwierigkeit auf, dass die Bewegungskontrolle durch eine zu niedrige Muskelspannung (Hypotonus) beeinträchtigt ist. Hand und Arm fühlen sich schlaff an. Der Gegendruck beim Stützen hilft beim Tonusaufbau und verbessert dadurch die Bewegungssteuerung.

Im Gegensatz dazu kommt es bei zu hoher Muskelspannung (Hypertonus) oftmals zu kräftigen, überschießenden Bewegungen, die durch die Stütze gleichsam auf- beziehungsweise abgefangen werden müssen, damit eine kontrollierte Zeigebewegung möglich wird. Ein weiteres Problem besteht darin, dass ein Teil der FC-Schreiber seine Bewegungen nicht selbstständig initiieren, 'von sich aus' starten kann. Zudem können FC-Nutzer oft nur schlecht einschätzen, wo sich ihr Körper im Raum befindet. Ihre kinästhetische Wahrnehmung ist eingeschränkt.

Die Aufgabe des Stützers besteht bei der FC-Methode nun darin, dem Benutzer physische, verbale und emotionale Hilfestellungen, kurz 'Stütze', zu geben. Dabei ist es individuell sehr verschieden, welche und wie viel Hilfe der einzelne Schreiber benötigt. Gerade am Anfang stehen motivationsfördernde Maßnahmen im Vordergrund. Viele FC-Kandidaten haben jahrelang das Scheitern ihrer Kommunikationsbemühungen erlebt, und müssen erst ein neues Selbstvertrauen aufbauen. Alles in allem bleibt es das Ziel des FC-Trainings, die physische Stütze, die anfangs zumeist an Hand oder Arm gegeben wird, soweit wie möglich zu verringern und die eigenständige Benutzung eines Kommunikationsgerätes (Buchstabentafel, Schreibmaschine, Computer, Notebook, Laptop, Organizer) zu ermöglichen.

Christiane NAGY kennt mehrere FC-Nutzer, die mittlerweile ganz ohne physische Stütze schreiben oder nur noch eine leichte Berührung an Rücken oder Knie brauchen, um auf einer Tastatur tippen zu können. FC ist kein 'Wundermittel', sondern eine Methode, die sowohl Stützender wie auch Gestützter lernen müssen. Je mehr Übung beide haben, desto größer sind die Erfolgsaussichten.

Das schrittweise kennen lernen, die so genannte 'Anbahnung' der Gestützten Kommunikation bei einem Menschen mit starken Kommunikationsbeeinträchtigungen kann weitreichende Konsequenzen sowohl für den FC-Kandidaten wie auch für seine Bezugspersonen haben. Deshalb sollte sichergestellt sein, dass die Kommunikation via FC dauerhaft gewährleistet werden kann, mindestens zwei Stützer zur Verfügung stehen und alle wichtigen Bezugspersonen des Kandidaten über die Methode ausführlich informiert worden sind und der Methode FC aufgeschlossen gegenüberstehen.

'FC darf eben auch nicht übergestülpt werden', meint Christiane NAGY, die für ein möglichst sorgfältiges Vorgehen mit FC plädiert, und fügt hinzu: 'Auch aus Sicht der behinderten Menschen ist das Bedürfnis, FC kennen zu lernen beziehungsweise zu praktizieren unterschiedlich. Das muss man auch respektieren.'

Reichhaltige und detaillierte Informationen zu FC finden Interessierte in den 'Empfehlungen für den Umgang mit der Methode der Gestützten Kommunikation (FC)', herausgegeben von der Arbeitsgruppe FC des Bundesverbandes 'Hilfe für das autistische Kind' e.V. Kompetente Anlaufstelle für Fragen zur Aus- und Weiterbildung von Stützern, Seminarangebote und Beratung bietet das vor zwei Jahren gegründete 'FC Netz Deutschland', einem Zusammenschluss von FC-Seminarleitern aus ganz Deutschland (http://www.fc-netz.de/).

Mit zunehmendem Bekanntheits- und Verbreitungsgrad wuchs auch die Kritik an dieser relativ jungen Methode. Ende der 70er Jahre entwickelte Rosemary CROSSLEY in Australien in ihrem Bemühen, schwer mehrfachbehinderten Kindern neue Kommunikationswege zu eröffnen, diese Methode. Mitte der 80er Jahre erkannte CROSSLEY, dass vor allem autistische Personen positiv auf ihr Kommunikationssystem reagierten. 1986 gründete sie das DEALZentrum (Dignity through Education and Language Communication Centre). Douglas BIKLEN, US-Professor für Sonderpädagogik an der Universität von Syracuse (New York), verfasste eine vielbeachtete Studie über Crossleys Zentrum und sorgte für eine rasche Verbreitung der FC in den USA. Inzwischen leitet er das 'Facilitated Communication Institute' an der 'Syracuse University'. Seine damalige Mitarbeiterin, die Sprachtherapeutin Annegret SCHUBERT, brachte die Methode 1990 nach Deutschland, in dem sie eine Reihe von FC-Seminaren, u.a. in Berlin, veranstaltete. Durch die beiden autobiografischen Bücher von Birger SELLIN, dessen Mutter SCHUBERTs Seminar besuchte, wurde FC weit über Fachkreise hinaus bekannt, und es kam zu ersten kontroversen Diskussionen.

Kein Wunder, wurde doch am festgefügten Bild über die Fähigkeiten beziehungsweise Unfähigkeiten Geistigbehinderter nachhaltig gerüttelt. Allein dadurch, dass via FC erstmals Dinge zur Sprache kamen, die Menschen aufgrund ihrer Kommunikationsstörung auf anderem Weg nicht mitteilen konnten, wurden überkommene Sichtweisen zur Lebenssituation Geistigbehinderter ins Wanken gebracht. Zentraler Kritikpunkt in der Diskussion um die Validität von FC war und ist die nachprüfbare Autorenschaft der FC-Äußerungen.

Zusätzliche Brisanz erhielt dieser Disput durch aufsehenerregende Fälle in den USA: Nachdem sich dort zu Beginn der 90er Jahre, ausgelöst durch euphorische Fernsehberichte, vielerorts ein sehr naiver und unkritischer Umgang mit der neuen 'Wundermethode' ausgebreitet hatte, kam es immer wieder zu Fällen, in denen FC-Nutzer von sexuellem Missbrauch berichteten. Da sich der Verdacht in manchen Fällen als unbegründet erwies, geriet die Gestützte Kommunikation insgesamt in Misskredit. Die Vorkommnisse veranlassten einige Gerichte, die Wirksamkeit der FC wissenschaftlich untersuchen zu lassen, um die Beweiskraft der mittels FC vorgebrachten Aussagen sicherzustellen.

Seitdem haben zahlreiche Studien - pro und contra FC - den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Befürworter in der 'authorship controversy', wie sie Professor BIKLEN nennt, berichten - teilweise voller Begeisterung - über enorme Fortschritte der FC-Nutzer, während Kritiker der Methode die Kommunikationsfähigkeiten der behinderten Menschen via FC in Frage stellen und das Entstehen der Texte mit (unbewusster) Beeinflussung durch die Stützpersonen erklären. Die vorgebrachten Zweifel sind durchaus verständlich, da es für einen Beobachter von FC nicht eindeutig erkennbar ist, von wem der Zeigeimpuls ausgeht. Wer dieses Zeigen jedoch genau studiert, seine Funktionsweise nachvollzieht, erkennt alsbald die Vorzüge der Methode und wird sie schwerlich als untauglich bezeichnen können.

Nach rund zehn Jahren Erfahrung mit FC und teils hitzigen Debatten scheint sich, zumindest in Deutschland, das durchzusetzen, was die Verfasser einer großangelegten Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Professor BUNDSCHUH und Andrea BASLER-EGGEN, zur Validität von FC ausführten: 'Gestützte Kommunikation stellt bei korrekter und fachkompetenter Anwendung der Methode für manche Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen eine valide und effektive Kommunikationsmethode dar.'

Gerhard SCHAER, Fachdienstleiter im Auhof (Wohnen, Arbeiten, Fördern, Lernen), Hilpoltstein, gibt vor diesem Hintergrund zu bedenken: 'Wenn die der Methode FC zugeschriebenen Eigenschaften und Expressionsmöglichkeiten zutreffen, müsste FC:

1. von früher Kindheit an angewandt werden, um eine genaue Ausdifferenzierung von Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit zu ermöglichen
2. entsprechend im Schulsystem berücksichtigt werden
3. Erwachsenen angeboten werden - unterstützt durch geeignete Bildungsangebote und Kommunikationshilfen.'

Wenn also die Erkenntnis vorliegt, dass Menschen über Schriftsprache kommunizieren können, sind auch die Bedingungen dafür zu schaffen. Im § 57 des SGB (Sozialgesetzbuch) IX wird die Förderung der Verständigung ausdrücklich benannt. 'Bedürfen [...] behinderte Menschen mit besonders starker Beeinträchtigung der Sprachfähigkeit [...] zur Verständigung mit der Umwelt aus besonderem Anlass der Hilfe anderer, werden ihnen die erforderlichen Hilfen zur Verfügung gestellt [...].' Gebärdensprache, FC, Unterstütze Kommunikation u.a.

Die jahrelangen Bemühungen um die rechtliche Anerkennung von FC führten nun zum Erfolg: Zum neuen Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) ist Mitte Juli eine Rechtsverordnung (RVO) erlassen worden; als mögliche Kommunikationsmethode für Menschen mit Autismus in Verwaltungsverfahren wird in § 3 der RVO zu § 9 BGG ausdrücklich die Gestützte Kommunikation genannt.

Die Bedeutung von Kommunikation für Menschen, die sich nicht oder nur eingeschränkt lautsprachlich äußern können, wird nach Auffassung von Christiane NAGY zunehmend als Thema erkannt und auch entsprechend berücksichtigt.

'Früher', so NAGY, 'wurde dies als Ziel gar nicht so sehr gesehen. Da stand die Pflege ganz im Vordergrund. Hier zeichnet sich schon ein Bewusstseinswandel ab. So sind beispielsweise in den Hilfsmittelkatalogen der Krankenkassen Kommunikations-Hilfsmittel nun deutlich stärker vertreten, in den Lehrplänen an Geistigbehinderten-Schulen gewinnt das Thema Kommunikation zunehmend an Gewicht. Seit kurzem gibt es in Leipzig einen Lehrstuhl für Unterstützte Kommunikation. Der erste in Deutschland.'

Im Begriffs-Dschungel von Anspruchsgrundlangen, sozialer Teilhabe, Leistungsbeschreibungen, Eingliederungshilfen und Krankenkassenbestimmungen ist es für FC-Verantwortliche oft nicht leicht, zuständige Ansprechpartner zu ermitteln und die Kostenübernahme für FC-Programme zu gewährleisten. Eine Mitarbeiterin des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung betont jedoch, dass man bemüht sei, für mehr Transparenz in der zugegebenermaßen sehr komplexen Materie zu sorgen.

In jedem Fall wichtig ist, eine Kontinuität des FC-Schreibens zu gewährleisten, und die Methode in den Alltag zu integrieren. Dies im einzelnen auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen. Christiane NAGY empfiehlt in diesem Zusammenhang: 'Hat der FC-Benutzer [...] eine größere Sicherheit erreicht, ist es natürlich erstrebenswert, dass das Schreiben zu einem ganz normalen Bestandteil seines Lebens wird, wie bei uns das Sprechen. Die erlernte Fähigkeit sollte an möglichst vielen Orten, über möglichst viele Themen und mit möglichst vielen Stützern eingesetzt werden [...].'

Die Ergebnisse, die im Rahmen eines im Jahr 2000 gestarteten Projektes zur Einführung von FC im Auhof, Hilpoltstein, gewonnen wurden, sind durchweg ermutigend. In der mittelfränkischen Einrichtung wohnen rund 180 Personen (Stand: November 2001) mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen. Circa 80 Personen, auch mit schweren Körperbehinderungen, von denen nur knapp 10 Prozent die WfB (Werkstatt für Behinderte) besuchen können, wurde FC angeboten. 'Es ist', wie Projektleiter Gerhard SCHAER erläutert, 'ein unerklärliches Phänomen, dass sich über 80 Prozent mit Hilfe von FC - nach der Anbahnungsphase oder spontan - schriftsprachlich mitteilen können.'

Im Rahmen einer Studie der Basler Sprachwissenschaftlerin Andrea ALAFARÈ äußerte sich 1999 der damals 28-jährige, autistische FCSchreiber RETO zur Frage, wie er die 25 Jahre vor FC erlebt habe: 'es war nicht so schlimm als kleines kind. Nachher schon. Ich wollte reden, aber konnte nicht. Alle liebten mich zwar, aber hielten mich für geistig behindert. Behandelten mich entsprechend. Das macht einen verrückt. Ich war innen normal. Nur von außen sah ich aus wie ein idiot. Mit fc kann ich mein innen nach außen tragen, zumindest zu denen, die mich sehen wollen.' Am Ende des Gesprächs zieht er das Resümee: 'Wir behinderten sind innen normal. Wir denken wie ihr. Wir fühlen wie ihr. Macht uns also nicht zu idioten.'

Dieser Appell macht deutlich, dass mit RETO Tausende so genannter 'Geistigbehinderter' über viele Jahre in stigmatisierender - weil bestehende Fähigkeiten absprechender - Weise betrachtet und entsprechend auch behandelt wurden. Stellt man die einfache Frage, was denn eine 'geistige Behinderung' ist, geraten Erklärungsversuche aus Medizin, Pädagogik und persönlichem Umfeld der Betroffenen alsbald ins Straucheln. Es zeigt sich zudem, dass klassische Definitionen aus der Geistigbehindertenpädagogik nicht mehr so recht greifen. Man versucht vielmehr, sich dergestalt abzugrenzen, indem man abzirkelt, wer nicht geistig behindert ist.

All diese - teils hilflos wirkenden - Bemühungen scheinen vielmehr zu offenbaren, wie durchlässig diese Grenzen sind, vor allem dann, wenn wir uns mit der Welt der als behindert titulierten Menschen zu beschäftigen beginnen. Der Österreicher Erich PAMMER bemerkt hierzu: 'Jahrzehntelang war der Intelligenzquotient oft das einzige Kriterium bei der Feststellung geistiger Behinderung. Die moderne Diagnostik berücksichtigt aber noch viele andere Faktoren, wie Sozialverhalten, emotionales Verhalten, die Art der Wahrnehmung, die Motorik- um gezielte Maßnahmen einer qualitativ guten Förderpädagogik einleiten zu können.' Beginnt sich also das Bild von der 'geistigen Behinderung' in der Öffentlichkeit zu wandeln? Der Pädagoge und in der Behindertenarbeit erfahrene Diakon Gerhard SCHAER meint dazu: 'In der Fachdiskussion weicht, unter anderem auch durch FC, der Begriff der geistigen Behinderung. Die Begrifflichkeiten werden sich ändern: von einer eher bewertenden zu einer eher beschreibenden Diagnostik.'

Die im Frühsommer präsentierte Berliner Ausstellung 'Der imperfekte Mensch' legte den Fokus unter anderem auf die Kategorie 'behindert' als integralen Bestandteil von Kultur, als Kehrseite unserer Vorstellungen vom 'Normalen' oder 'Perfekten'. Im Vorwort zur Ausstellung heißt es treffend: 'Jede Kultur definiert immer wieder neu, welche Körper (und welcher Geist, Anm. d. Autors) als vollkommen gelten sollen. Die Bilder, die sich eine Gesellschaft vom perfekten Körper (und vom intakten Geist, Anm. d. Autors) macht, entscheiden darüber, wer sozial anerkannt oder ausgeschlossen ist.' Die Grenzlinie zwischen 'normal' und 'behindert' wird in diesem Kontext durch das Scheitern gewohnter Kommunikationsformen markiert. Jeder weiß: Nobody is perfect. Doch nicht jeder ist behindert. 'Behinderung' bezeichnet einen gesellschaftlichen Ernstfall, markiert die Grenze, an der Verschiedenheit zum Problem wird. Begriffe wie 'verrückt', 'autistisch', oder 'geistig behindert', heißt es im Ausstellungskatalog weiter, konstatieren einen Bruch zwischen allgemeinem Alltagsverständnis und einem individuellen Zugang zur Welt, der sich dem Verständnis anderer nicht ohne weiteres erschließt. Die Betroffenen partizipieren nicht oder nur eingeschränkt an der gemeinsamen Sicht auf die Welt, die erst die Basis für Kommunikation liefert. Über die verfügbaren Worte und Zeichen ist ihre spezifische Erfahrung nicht zu vermitteln. Oder besser: war nicht zu vermitteln.

Denn FC eröffnet zumindest die Möglichkeit, die bis dahin herrschende Sprachlosigkeit zu beenden, die oft zur Folge hatte, dass Wahrnehmungsverschiebungen nur als 'falsches Bewusstsein' erschienen, als Defizit, nicht aber als besondere Formen des Erkennens oder besondere Form der Sicht auf die Welt. Bleibt die Frage, wie viele Formen des Denkens neben dem uns vertrauten rationalen Zugang existieren?

'Solange wir nicht überprüfen können, ob jemand eine geistige Behinderung hat, solange dürfen wir nicht davon ausgehen, dass er geistig behindert ist', meint hierzu Gerhard SCHAER.

Bezogen auf die bisherige medizinische, therapeutische und pädagogische Praxis, fragt er: 'Haben wir in der Vergangenheit nicht immer die Diagnose gestellt: ,Geistige Behinderung' oder nach dem ICD-10 (= Int. Klassifikation psychischer Störungen) schwere oder schwerste Intelligenzminderung? Haben wir nicht gedacht, geistig behinderte Menschen sind nicht so intelligent wie wir, ihre Hirnstrukturen, ihr Denken sei nicht so differenziert wie bei uns, grober und oberflächlicher? Die Erfahrungen mit FC zeigen, dass der Geist, das Denken, oft nicht behindert sind.' Durch seine langjährige Praxis in der Arbeit mit behinderten Menschen ist Gerhard SCHAER 'bewusst geworden, wie trügerisch unsere Bilder, unsere Vorstellungen sind, die wir uns von anderen Menschen machen.' Allzu oft schloss man vom äußeren Erscheinungsbild, vom abweichenden, teilweise extremen, insgesamt 'unangepassten' Verhalten auf kognitive Defizite, sprach diesen Menschen wegen ihres Unvermögens, bestimmte Handlungen auszuführen, geistige Fähigkeiten ab. Zu Unrecht, wie sich in vielen Fällen zu bestätigen scheint. Sich zu lösen von stigmatisierenden, ausgrenzenden Begriffen wie 'geistige Behinderung' verträgt sich wohl am ehesten mit einem Menschenbild, das größtmögliche Offenheit anstrebt.

FC leistet auf diesem Weg wertvolle Hilfe. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Methode wird weitergehen. Wünschenswert wäre zudem eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Ziel, die noch bestehenden Schwächen und Kritikpunkte aufzugreifen, zu untersuchen und durch neue Erkenntnisse zu einer Optimierung der Methode beizutragen.

Der 12-jährige FC-Nutzer Martin steckt schon mal den Rahmen ab. In seinem im Internet veröffentlichten Text 'Der gute Umgang' heißt es u.a. : 'Gute Fähigkeiten zu erkennen erfordert es geradezu Grenze festgefahrener Denkstrukturen zu durchbrechen. Das gelingt nur wenn man geradezu die Fähigkeit besitzt deretwegen man auf Erden ist nämlich sich bewusstseinsmäßig zu revolutionieren'.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Heilpädagogik online
Homepage: https://sonderpaedagoge.quibbling.de/hpo/

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Referenznummer:

R/ZA2488


Informationsstand: 17.05.2005

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