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Bibliographische Angaben zur Publikation

Behinderte im Arbeitsleben: Kümmern um berufliche und persönliche Reha


Autor/in:

Jacob, Peter


Herausgeber/in:

Arbeitskammer des Saarlandes


Quelle:

Arbeitnehmer, 2004, 52. Jahrgang (Heft 7), Saarbrücken: Eigenverlag, ISSN: 0334-8223


Jahr:

2004



Abstract:


Behinderte Menschen produzieren heute in Integrationsbetrieben und Werkstätten für namhafte Großunternehmen. Aus der Beschäftigungstherapie der 60er Jahre wurde ein Miteinander in der anspruchsvollen Industrieproduktion. High Tech inklusive.

Die Automobilzulieferer Hydac International und Allevard Rejna wissen die Arbeit ihres Sublieferanten, der Technisch Gewerbliches Outsourcing & Dienstleistungen (TGOD) GmbH aus Saarbrücken-Klarenthal, schon seit vielen Jahren zu schätzen. Dort werden zum Beispiel Teile von Autokomponenten geschliffen, gebohrt oder gestanzt, Steuerelemente aufgebaut. Weichlöten, Hartlöten oder MIGSchweißen gehören ebenso zum Angebot. Dabei kommt es auch vor, dass Kunden eine komplette Maschine anliefern, die dann von TGOD-Beschäftigten bedient wird.

Integrationsbetrieb ist für Qualität bekannt
'Natürlich sind wir DIN EN ISO 9001- und 9002-zertifiziert' erinnert der für Qualitätsmanagement verantwortliche Prokurist Hermann Schell. Der Dienstleister mit seinen rund 30 Mitarbeitern hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht, ist für seine Qualität und Zuverlässigkeit bekannt. Was die Wenigsten wissen: Der Integrationsbetrieb beschäftigt gleichermaßen Menschen mit und ohne Behinderungen.

'Unsere Kunden sehen erst beim Gegenbesuch in unserem Hause, dass wir Menschen mit Behinderungen beschäftigen', erläutert Diplom-Sozialarbeiter Schell. Zu einem internen Audit schickt DaimlerChrysler schon mal Fachleute vorbei, die den TGODlern über die Schulter schauen. Nach jedem Pressen, Bohren, Stanzen wird das fertige Teil mit Prüfgeräten nachgemessen - von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, egal ob mit oder ohne Behinderung. Totales Qualitätsmanagement.

Die TGOD GmbH wurde 1997 gegründet, sie entstand aus einer Kooperation zwischen dem Ausbildungszentrum Burbach (AZB) und dem Verein Miteinander Leben Lernen. Das Bundesministerium hatte Konzepte für Integrationsunternehmen gesucht, die TGOD bekam damals den Zuschlag als Modellprojekt für die Saar. 'Heute sind nicht mehr alle Projekte am Markt', ist Hermann Schell doch schon ein wenig stolz auf das Geleistete. Bis Ende dieses Jahres gibt es noch einen Rest von kontinuierlich gesenkten Fördermitteln, dann muss sich die TGOD eigenständig am Markt behaupten. Gemeinsam mit dem zweiten Standbein, dem Garten und Landschaftsbau, der sich ebenfalls einen festen Kundenstamm aufgebaut hat, ist das zu stemmen.

Die Beschäftigten des Unternehmens arbeiten im Zwei-Schicht-System und werden nach einem Haustarifvertrag in Anlehnung an den Metalltarifvertrag bezahlt. Hermann Schell berichtet, dass alle mindestens einmal im Monat eine Qualitätsmanagementschulung erhalten. Bei der Produktion wird auf die Kolleginnen und Kollegen mit Behinderungen Rücksicht genommen. Schell: 'Wir haben Verfahrensanweisungen in Bildern angefertigt und reduzieren Beschreibungen auf das Wesentliche.' Für einen taubstummen Mitarbeiter könne man auf einen Dolmetscher vom 'Fachdienst für Hörbehinderte' zurückgreifen.

Bei der Akquisition achten die TGOD-Verantwortlichen darauf, dass die angenommenen Arbeiten 'passen', nach dem von Prokurist Schell formulierten Leitbild: 'Die Behinderten kommen nicht zur Arbeit, wir bringen die Arbeit zu den Menschen mit Behinderungen.' Man müsse stets sicherstellen, dass die eingesetzten Mitarbeiter ihre Leistungen erbringen können. 'Wenn einer etwas nicht kann, dann haben wir die Pflicht, es besser zu erklären', lautet die Maxime.

Genauso bemüht man sich darum, dass die Beschäftigten mit Behinderungen in den Betrieb kommen können. 'Ein begleitendes Fahrtraining mit dem Bus kann da schon helfen', erläutert der Sozialpädagoge. Falls gewünscht, helfen die Verantwortlichen auch schon mal bei privaten Anliegen. Man kümmert sich.

Ein ganz neues Feld hat die TGOD gerade betreten: Seit Oktober wird jungen Menschen mit Behinderungen eine Berufsvorbereitung und Berufsausbildung für die Berufsbilder 'Metallfeinbearbeiter' und 'Fertigungsmechaniker' angeboten. Dabei handelt es sich um eine abgestufte und in Modulen organisierte Ausbildung, 'die auf die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Teilnehmer und Teilnehmerinnen abgestimmt wird', so Prokurist Schell. Am Ende kann eine abgeschlossene 'Reduzierte Ausbildung' oder eine Vollausbildung stehen. Insgesamt werden bis 2007 zwölf Plätze in einer eigens neu geschaffenen Ausbildungswerkstatt angeboten. Das Land unterstützt die Maßnahme mit 378.500 Euro. Ziel ist es am Ende, junge Menschen mit Behinderungen zu qualifizieren, damit sie zum Beispiel in Integrationsbetrieben oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eingesetzt werden können.

Ortswechsel. Szenenwechsel. Wenn Prokurist Elmar Schneider durch das Werkstattzentrum für Behinderte (WZB) geht, kommt es schon mal vor, dass er von dem einen oder anderen Beschäftigten in den Arm genommen und fest gedrückt wird. 'Guten Tag, Herr Schneider! Und? Wie geht's?' ist bei der kleinen Betriebsbesichtigung im Werk I am Spiesener Beckerwald das Minimum an Freundlichkeit der Beschäftigten. Beim WZB 'Das etwas andere Unternehmen' (so die 'Eigenwerbung'), einer Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe gGmbH, sind rund 820 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit geistigen und psychischen Behinderungen beschäftigt. Einige kennt der 52-jährige Diplom-Betriebswirt schon seit Ende der 70er Jahre.

Die Aufgabe des WZB besteht darin, sich um die 'berufliche und persönliche Rehabilitation' der Beschäftigten zu kümmern, was hervorragend gelingt. Sie stellen nämlich hochwertige Güter für den Handel und die Industrie her. 'Es ist uns sehr wichtig, dass die Behinderten einen Sinn in der Arbeit sehen', betont Schneider. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand verschiedene Einzelteile für ein Autozubehör in einer Klarsichttüte konfektioniert und diese Tüte später im Baumarkt im Regal liegen sieht.

In vier verschiedenen Werken produzieren die Beschäftigten Teile für Automobil- und Computerhersteller, für Hersteller hochwertiger Elektronik, für Maschinen- und Anlagenbauer und für den Handel und Konsum. Garten- und Landschaftspflege, Stoff-, Metall- und Holzverarbeitung und Montage sind die Aufgaben.

'Wir bieten auch High Tech, darauf sind wir besonders stolz', freut sich der WZB-Prokurist. Gemeint ist die so genannte 'Reinraumtechnik'. Dort, wo hoch empfindliche Produkte, wie beispielsweise Mikrochips oder Pharmaka hergestellt werden, gibt es höchste Ansprüche an eine nahezu sterile Produktionsumgebung. Dieses WZB-Team hat sich darauf spezialisiert, Reinraumkleidung herzustellen, zu dekontaminieren und zu pflegen. Fast alle großen Halbleiterhersteller sowie Elektronik- und Pharmaunternehmen in Europa sind Kunden, so Elmar Schneider. Das WZB hat von IBM Deutschland sogar das 'Goldene Q' als höchste Qualitätsstufe verliehen bekommen. Für seine innovative Reinraumkleidung erhielt 'Das etwas andere Unternehmen' im letzten Jahr vom saarländischen Wirtschaftsminister den Saarländischen Staatspreis für Design.

Die Arbeit in der Produktion wird durch die Rehabilitation unterbrochen und ergänzt. So werden beim Basteln oder Turnen immer wieder Übungen angeboten, um die Feinmotorik der Behinderten zu schulen. Reha-Fachkräfte und Sozialpädagogen sind hierbei im Einsatz. Die Werkstattbeschäftigten bekommen ein monatliches Arbeitsentgelt plus leistungsangemessene Steigerungsbeträge.

Das Zentrum für Integration und Berufliche Bildung (ZIB), das im Frühjahr eingeweiht wurde, bereitet die Menschen mit Behinderungen auf ihren Einsatz in der Werkstatt vor. Nach Beendigung der Schulzeit ist die Bundesagentur für Arbeit in der Werkstatt für behinderte Menschen für die Betroffenen zuständig und zahlt Eingliederungshilfe. Durch ein so genanntes 'Profiling' müssen Fachleute die 'Werkstattfähigkeit' feststellen. Dementsprechend erfolgt dann die berufliche Bildung und Ausbildung der jungen Menschen, die, so Schneider, zwei Jahre im ZIB bleiben, bevor sie im Arbeitsbereich der Werkstatt eingesetzt werden.

Noch ist es nur ein Modell, die Arbeiten haben aber schon begonnen. 2007 soll ein Acht-Millionen-Projekt fertig sein, dass seinesgleichen sucht: Das Centrum für Freizeit und Kommunikation (CFK). 'Eine Umfrage hat ergeben, dass Behinderte genau dieselben Freizeitwünsche haben, wie Nichtbehinderte', erläutert der Prokurist die Hintergründe. Auch Behinderte wollen in Restaurants essen, wollen Kegeln, ins Kino, in die Disko oder in die Sauna. So entsteht denn in Spiesen ein Integrationsbetrieb mit Hotel, der solche Aktivitäten anbietet, und zwar für Behinderte und Nichtbehinderte. Noch vor der Eröffnung soll ein Eventmanager eingestellt werden, der das Centrum vermarktet.

Elmar Schneider ist vom Erfolg des neuen CFK überzeugt, das sieht man auch in seinen strahlenden Augen. Er erinnert sich zurück an die siebziger Jahre, als 200 Mitarbeiter in der Werkstatt begannen und 'beschäftigt wurden'. Fast dreißig Jahre später ist sein Zwischenfazit sehr ermutigend für alle Beteiligten: 'Die Menschen schaffen mehr, als wir erwartet hatten.'


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


arbeitnehmer - Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes
Homepage: https://www.arbeitskammer.de/publikationen/zeitschrift-arbei...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA2331


Informationsstand: 07.12.2004

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