Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Erfahrungen in einer Berliner Agentur für Arbeit


Autor/in:

Sanner, Rainer


Herausgeber/in:

Berliner Behindertenverband e.V. (bbv)


Quelle:

Berliner Behinderten-Zeitung, 2005, Februar, Berlin: Eigenverlag


Jahr:

2005



Abstract:


Während des für Integrationsschüler sowieso schon sehr schwierigen Übergangs von der Schule in den Beruf fand ein junger Mann bei der Agentur für Arbeit statt Beratung und Unterstützung nur die Empfehlung, doch in dem 'geschützten Bereich' einer Werkstatt Beschäftigung zu suchen.

Erst vergingen Monate

Im August 2003 unternahm Ingo K. einen ersten Besuch bei der Agentur für Arbeit, in der Hoffnung, Beratung über mögliche Berufswege zu erhalten. Zu seiner Überraschung existierte dort schon eine Akte zu seiner Person. Diese wurde von einer Sachbearbeiterin zunächst etwa zehn Minuten lang schweigend studiert, bis sie ihn mit der Frage begrüßte: 'Hat er denn nun wenigstens den Hauptschulabschluss?'

Die ihn begleitende Mutter und Betreuerin erklärte, dass ihr Sohn im Rahmen des 'Modellversuchs zur Integration geistig und schwer-mehrfach behinderter Kinder' in Grund- und Realschule zieldifferent beschult worden ist, ein Schulabschluss somit nicht angestrebt worden war. Die Sachbearbeiterin forderte nun eine amtsärztliche Untersuchung, bevor man bei der Agentur für Arbeit aktiv werden könne.

Diese Untersuchung fand wenig später statt. Die Amtsärztin schickte ihr Gutachten noch am Tage der Untersuchung per E-Mail an die Agentur für Arbeit. Dennoch wurde Ingo K. monatelang bei Nachfragen seinerseits in der Agentur für Arbeit mit der Begründung des fehlenden Gutachtens abgewiesen. Schließlich wurde durchgesetzt, dass die Sachbearbeiterin eine Recherche der Dateien in ihrem Computer vornahm, das Gutachten fand und nach nunmehr viereinhalb Monaten ein Beratungstermin anberaumt werden konnte.

Eine Antragstellung wird verhindert

Doch auch jetzt, Ende Januar des Jahres 2004, kam es nicht zu einer Beratung.

Ein neuer Sachbearbeiter - Mitarbeiter eines so genannten 'Reha-Teams' der Agentur für Arbeit - bezog sich auf eine ihm bereits vorliegende Akte: Ingo K. sei in der Schule lange genug gefördert worden, ohne dass das Sinn gemacht hätte. Er habe deswegen in der 9. Klasse die Schule verlassen sollen.

Die Nachfrage der Mutter nach der Quelle der Informationen in der Akte beendete das Gespräch: Die Mutter sei als Gesprächsteilnehmerin nicht zu akzeptieren, da sich ihre Betreuerkompetenzen nicht auf Behördenangelegenheiten bezögen. Der Sachbearbeiter ergänzte diese Auskunft mit dem Satz, Sohn und Mutter sollten sich nicht für etwas Besseres halten, Ingo K. könne 'wie jeder Behinderte in die Werkstatt' gehen. Nun musste das Vormundschaftsgericht kontaktiert werden, das innerhalb weniger Tage die Erweiterung des Aufgabenbereichs der Betreuung auf 'Vertretung des Betroffenen gegenüber der Agentur für Arbeit' anordnete. Erst jetzt konnte mithilfe der Mutter ein Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben für Ingo K. gestellt werden: Es wurde um Teilnahme an einer einjährigen Berufsvorbereitung in einem Berufsbildungswerk und eine Theorie reduzierte Ausbildung gebeten. Zusätzlich wurde ein Antrag auf Akteneinsicht gestellt.

Aus einer 'Reha-Akte'

Die Einsicht in die betreffenden Akten der Agentur für Arbeit ergab Folgendes: Es existiert ein 'Gesprächsprotokoll' eines früheren Mitarbeiters der Agentur für Arbeit von der Klassenkonferenz, die immer im Rahmen des Schulversuchs zur weiteren Förderung der Integrationsschüler in der 9. Klasse stattfindet. Diese Klassenkonferenz lag zu dem Zeitpunkt mehr als 3 Jahre zurück.

In diesem Protokoll ist zu lesen: 'Seitens der Schule wird ernsthaft erwogen, ihn in BESO10/11 (ein beschäftigungsorientierter Lehrgang in Kooperation mit Betrieben der freien Wirtschaft) zu fördern, wobei hierfür eine gewisse Grundmotivation erforderlich ist. Da diese überhaupt nicht erkennbar ist und die Förderung im Verlauf der letzten 2 Jahre erfolgreich verlief, wird der weiteren Förderung in der 10. Klasse der (bisherigen) Oberschule Vorrang gegeben.'

Richtigstellung durch den Schulleiter

Der Schulleiter der betreffenden Schule erläuterte in einem Schreiben an die Mutter vom 17. März 2004 die Empfehlung der Klassenkonferenz folgendermaßen:
'Im 9. Schuljahr fand im Rahmen des Schulversuchs zur Integration von Schülern mit geistiger Behinderung in der SEK I eine Klassenkonferenz zur weiteren Förderung statt. Das Hinzuziehen eines Vertreters der Agentur für Arbeit sollte Ingo K. 's (Name geändert) spätere berufliche Eingliederung fördern und vereinfachen, sie nicht behindern. Es ist ein Missverständnis im Protokoll aus den Akten der Agentur für Arbeit, dass die Schule ernsthaft erwogen haben soll, Ingo K. nach der 9. Klasse von unserer Schule zu entfernen, das stand so nie zur Debatte. Das mir mit Ihrem Schreiben zugestellte Gesprächsprotokoll des Mitarbeiters der Agentur für Arbeit ist auch mir nicht bekannt gewesen, so dass wir von Seiten der Schule Missverständnisse über Ingos (Name geändert) Beurteilung nicht richtig stellen konnten.'

Er wies in diesem Schreiben zudem darauf hin, dass die in der anschließenden 10. Klasse zuständige Sonderpädagogin mit Ingo K.'s Entwicklung sehr zufrieden gewesen sei und ihrerseits eine Fortbildung in eben dem Berufsbildungswerk vorgeschlagen habe, das nun auch im Antrag für Ingo K. gewünscht wurde. Abschließend äußerte er die Hoffnung, dass Ingo K. seinen integrativen Weg fortsetzen kann. Die Mutter ließ diese Stellungnahme des Schulleiters dem Sachbearbeiter der Agentur für Arbeit zukommen.

Die Genehmigung für eine berufsvorbereitende Ausbildung wird verweigert

Der Sachbearbeiter lehnte dennoch die beantragte Ausbildung im Berufsbildungswerk ab, wegen - so seine Worte - 'zweifelsfrei fehlender individueller Eignung' für eine berufliche Rehabilitationsförderung und eine spätere entsprechend qualifizierte Berufstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Die 'festgestellten behinderungsbedingten, nicht nur vorübergehenden Einschränkungen und die nur über einen sehr langen Zeitraum unter intensiver sonderpädagogischer Förderung in minimalem Maße entwickelten berufsrelevanten Kenntnisse, Fähigkeiten und Potenziale' würden dies ausschließen.

Die Mutter legte Widerspruch gegen den Bescheid ein, der am 9. Juni 2004 abgelehnt wurde.

Aktenberge

Im Zuge der Akteneinsicht von Seiten der Mutter ließen sich keine eindeutigen Belege für die ablehnende Beurteilung des Sohnes durch den Sachbearbeiter der Agentur für Arbeit finden. Zudem gab es, wie oben dargelegt, im Hinblick auf Ingo K.'s mögliche schulische beziehungsweise berufliche Perspektiven auch ganz andere, unterstützende Stellungnahmen und Beurteilungen, die aber leider nicht im selben Maße ausschlaggebend wurden. So entsteht der Eindruck, dass sich hier auf Seiten des zuständigen Sachbearbeiters ein defizitäres Bild von Ingo K. verfestigt hatte und für die Entscheidungen und konkret für die Interpretation der vorliegenden Unterlagen prägend wurde. Denn eine Einschätzung wie die von einer 'zweifelsfrei fehlenden individuellen Eignung' enthält keinerlei Offenheit, beschreibt den einzelnen Menschen als ein Wesen, das nicht über die Fähigkeit verfügt, sich zu entwickeln, neue Erfahrungen zu verarbeiten und dabei neue Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben.

Es stellt sich auch die Frage, wie sehr hier behördliche Akten ein Eigenleben führen, indem sie Jugendliche mit Behinderung schon sehr früh - und wohl auch nicht immer nur unterstützend - begleiten. So werden in den Schulen die so genannten 'Schülerbögen' geführt; von den Reha-Beratern werden, wenn diese zur Berufsberatung in die Schulen kommen, bei der Agentur für Arbeit 'Reha-Akten' angelegt; so ist jeder behördliche Vorgang mit der Anlage einer Akte verbunden. In diesen Akten sammeln sich oft auch Beurteilungen verschiedener 'Expertinnen' und 'Experten' aus deren doch immer auch subjektiven Sicht, verdichten sich zu Bildern, die aber doch nie gänzlich die aktuelle Lebenswirklichkeit der Betroffenen erfassen können.

Wichtig erscheint, dass die Betroffenen und ihre Eltern wenigstens über die Existenz dieser Akten informiert werden wie auch über ihr Recht auf eine Einsichtnahme, das sie mit einem Antrag geltend machen können.

Agentur kommt sprachgeschichtlich von 'Agens': tätige Kraft, wirkendes Prinzip.

Als solches Prinzip hätte bei der Agentur für Arbeit eigentlich auch das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter (SchwbG) gelten müssen, das am 1. Oktober 2000 in Kraft getreten war. Mit diesem Gesetz sollten die Chancen schwerbehinderter Menschen am Arbeitsmarkt verbessert und insbesondere die Kompetenzen und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung in Arbeit und Beruf in den Mittelpunkt gerückt werden.

Zu den wichtigsten Inhalten dieses Gesetzes zählte unter anderem die darin formulierte Verpflichtung der Agenturen für Arbeit zur Qualifizierung arbeitsloser Schwerbehinderter und zum Auf- und Ausbau von Integrationsfachdiensten, die für die Vermittlung und Betreuung von schwerbehinderten Arbeitsuchenden zuständig werden sollten.

Obliegt es denn nun einem einzelnen Mitarbeiter der Agentur für Arbeit, einen jungen Arbeitsuchenden mit Lernschwierigkeiten davon von vornherein auszuschließen?

Darf denn durch Entscheidungen einzelner Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit eine schon vor vielen Jahren begonnene Planung und - durch Teilnahme an integrativem Unterricht in Kita und Schule schon auf den Weg gebrachte - Gestaltung eines integrativen Lebenswegs gleichsam widerrufen werden und damit auch das Selbstverständnis eines jungen Menschen im Hinblick auf seine Rolle in der Gesellschaft derart in Frage gestellt werden?

Der immer wieder hoch gehaltene Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik (Weg von Fürsorge und Bevormundung, hin zu gleichberechtigter Teilhabe!) wurde von Seiten der Gesetzgebung seit der entsprechenden Änderung des Grundgesetzes im Jahre 1994 immer wieder neu konkretisiert und damit doch auch immer wieder bestätigt.

Wo also die Gesetzgebung nun schon lange und beharrlich den Abbau von Barrieren und die Sicherung der gleichberechtigten Teilhabe als wirkendes Prinzip verfolgt, wo sich davon unabhängig, aber auch darauf bezugnehmend in der Gesellschaft für viele Menschen mit Behinderungen ja eben die Integration als unanfechtbare Orientierung für Lebenswegeplanungen durchgesetzt hat, muss sich doch auch die einzelne Entscheidung bei der Agentur für Arbeit dafür hinreichend öffnen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Berliner Behinderten-Zeitung
Homepage: http://berliner-behindertenzeitung.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA1147


Informationsstand: 04.02.2005

in Literatur blättern