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Bibliographische Angaben zur Publikation

Alle haben etwas zu geben: Leben mit Behinderung in Juchitan, Oaxaca, Mexico und einige kulturell vergleichende Reflexionen


Autor/in:

Holzer, Brigitte


Herausgeber/in:

Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Dritte Welt


Quelle:

Behinderung und Dritte Welt - Journal for Disability and International Development, 1999, 10. Jahrgang (Ausgabe 1), Essen: Eigenverlag, ISSN: 1430-5895


Jahr:

1999



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Ganzen Text lesen (in: Behinderung und Dritte Welt 1/1999) (PDF | 246 KB; Schwere Sprache)


Abstract:


Die Studie ist ein Versuch, den selbstverständlichen Umgang mit dem Anders-Sein in Form von Behinderung in der Kleinstadt im Südwesten Mexikos begreifbar zu machen. Das Erkenntnisinteresse des Artikels gilt weder den fehlenden Möglichkeiten für Menschen mit einer Behinderung, ein weitgehend selbstständiges Leben zu führen, noch der Suche danach, wie in Juchitan kulturelle Differenzierungen vorgenommen werden, wenn die zwischen behindert und nicht-behindert kaum zum Tragen kommt. Vielmehr benennt B. Holzer in ihrer Studie die strukturellen Grundlagen von Interaktionen, die Menschen mit Behinderung nicht als Gleichwertige ausschließen.

In diesem Artikel möchte ich einige Beobachtungen dazu präsentieren, wie Menschen, die eine Behinderung haben, in Juchitán, Oaxaca, Mexiko leben. Der 25-jährige Paco, der in Deutschland als geistig behindert bezeichnet würde, durchquert mit einem dreirädrigen Anhängerfahrrad die Stadt und verkauft Käse. Lupita, ebenfalls 'geistig behindert' verkauft nach der Schule für ihre Mutter Tortillas (Maisfladen) in der Nachbarschaft. Die obdachlose Frau, die in Zeitabständen aus Chiapas kommt, sich bei den Köchinnen am Markt aufhält und ab und an 'ihre Anfälle hat', das heißt alle laut beschimpft, wird von den Köchinnen zum Geschirrspülen und Wäschewaschen angestellt, wofür sie ihre Mahlzeiten und Geld bekommt.

Eine Frau, die nicht gehen kann, sitzt am Fenster zur Straße und stickt hochwertige Festtagsblusen, wie sie dort üblich sind. Carmen und Monica, auch geistig behindert, bekommen von ihrer Mutter die Schule als Arbeitsleistung anerkannt. Wie die anderen Juchitecas, die am frühen Nachmittag mit ihrer Arbeit am Markt fertig sind, gehen sie durch die Nachbarschaft, setzen sich in die Runden der Leute, die es sich in Hängematten und 'butacas' (niedriger Stuhl, in dem man weit zurückgelehnt sitzt) bequem gemacht haben, hören den Gesprächen zu, beobachten, mischen sich hier und da ein, beaufsichtigen und beschäftigen die kleinen Kinder.

Menschen mit Behinderung haben einen Platz in der Gesellschaft Juchitáns
Soweit die Menschen dazu in der Lage sind, werden sie von Familienangehörigen und NachbarInnen zu einer Arbeit angeleitet. Gleichzeitig müssen aber die Leute in Juchitán nicht unbedingt gezielt zum Geldverdienen arbeiten, um von der Familie und der Gesellschaft geschätzt zu werden. Es gibt ein großes Spektrum von Aktivitäten, die anerkennungswürdig sind und die dem Stellenwert der Arbeit auf dem Markt nicht nachgeordnet werden: sich gegenseitig Zeit und Aufmerksamkeit schenken, sich gegenseitig massieren, sich besuchen, an Festen teilnehmen, Nachbarinnen bei der Festvorbereitung helfen, oder einfach nur mit anderen zusammensitzen, um sich auszutauschen. In Juchitán ist jeder und jede in der Lage, etwas zu geben - bei uns: etwas zu leisten -, so, wie die Leute mit ihren Eigenarten und besonderen Merkmalen sind: der Alkoholiker oder diejenige, die am Markt nicht arbeiten kann, 'weil ihre Hand zu schwer wiegt, wenn sie bedienen muss' (Otilia).

Müssen Menschen gepflegt werden, dann werden sie zu Hause betreut. Engpässe gibt es hier, wenn die Familie es sich nicht leisten kann, Mitglieder zur Betreuung abzustellen beziehungsweise in kein soziales Netz eingebunden ist. Solche Fälle, in denen die Personen mit Behinderungen vernachlässigt werden, gibt es in Juchitán auch. Allerdings gehe ich davon aus, dass derartige Vorkommnisse weit geringer als im nationalen Durchschnitt sind, da die Existenzsicherheit dort erwiesenermaßen größer als in anderen Teilen Mexikos ist (Holzer 1996; Oswald 1997). Die florierende regionale Ökonomie (vergleiche Bennholdt-Thomsen 1994) sichert den kulturell eigenständigen Umgang mit Behinderung ab.

Dem Rhythmus des Alltags der Händlerinnen in Juchitán folgend, ist es nicht weiter verwunderlich, dass unterstützungsbedürftige Menschen in der Familie angeleitet und betreut werden. Die Ökonomie beruht ganz wesentlich auf Produktion der unmittelbar zum Leben notwendigen Dinge. Im Haushalt hergestellte Produkte der Frauen und bäuerliche und handwerkliche Produkte der Männer werden von den Frauen auf dem Markt verkauft. Diese hauswirtschaftliche und handwerkliche Art des Wirtschaftens auf dem Feld, zu Hause und auf dem Markt bietet die Möglichkeit, Menschen mit Behinderungen, Kinder und alte Menschen durch Hilfstätigkeiten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade in die alltägliche Arbeit miteinzubeziehen. Die Wohnform ist zudem relativ offen, wodurch auch die Arbeit im und um's Haus einsehbar und spontane Mithilfe bei der Haus- beziehungsweise Betreuungsarbeit möglich ist.

Beschreiben wir die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am sozialen Geschehen in Juchitán allerdings ausschließlich auf dieser Ebene, erfassen wir das Spezifische der juchitekischen Normalität nicht und bleiben den bei uns gültigen Maßstäben verhaftet: Menschen haben teil und werden nicht als Problem wahrgenommen, wenn sie etwas leisten können oder ihre Betreuung relativ reibungslos organisiert werden kann. Eine solche Beschreibung aber wird dem juchitekischen Maßstab nicht gerecht, auf dessen Grundlage die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen erst gar nicht in Frage steht. In Deutschland sprechen wir davon, Menschen mit Behinderungen zu integrieren und machen damit deutlich, dass sie nicht selbstverständlich zur Normalität gehören. Die Integration kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie den Zustand der Desintegration voraussetzt. Es ist aber gerade die Normalität des 'Andersseins', die Selbstverständlichkeit, mit der sich auf die Eigenart einer jeden Person eingestellt wird, ohne sie darauf zu reduzieren und in eine Schublade zu stecken, die die Alltagsrealität Juchitáns für BewohnerInnen der westlichen Welt faszinierend macht.

In der subistenzorientierten Gesellschaft Juchitáns sind alle bedürftig ...
Juchitán ist eine subsistenzorientierte Gesellschaft. Die Subsistenzorientierung äußert sich etwa darin, dass Produktion und Handel nicht nach den Gesetzen des freien Marktes funktionieren. Das Ziel der Aktivitäten auf dem Land, in der Werkstatt und auf dem Markt ist nicht, Überschüsse zu erwirtschaften, um diese zu reinvestieren und so die Gewinne zu steigern, sondern Ziel ist die Versorgung mit dem alltäglich Notwendigen. Wenn die Händlerinnen Überschüsse erwirtschaften, verausgaben sie diese in Form von Festen. Ein Fest zu veranstalten, heißt, sich in die Schuld derer zu bringen, die zum Fest kommen, bei der Vorbereitung helfen und mit einer Geldsumme kooperieren. Diese werden wiederum Feste veranstalten, um sich zu holen, was ihnen zusteht. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit zieht sich durch das gesamte Miteinander im Alltag, verpflichtet die Menschen aufeinander und unterbindet rücksichtslose Übervorteilung in der Konkurrenz und Alleingang in der Lebensgestaltung sowie die zwanghafte Mobilität nach oben. Im Gegenteil die Juchiteken erneuern und bestätigen dadurch kontinuierlich ihre Abhängigkeit voneinander.

Juchitán unterscheidet sich dabei von anderen in der Ethnologie analysierten Verschwendungsökonomien, in denen vorhandener Reichtum, etwa in Form von Kupferplatten, Wappen, Schnitzereien verschwendet und vernichtet wird, um 'Gleichwertige' herauszufordern (vergleiche Barnett 1938; Mauss 1990:85f). Die Juchiteken geniessen vielmehr Essen und Trinken, Musik und Tanz im Überfluss. Die unmittelbaren, menschlichen Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten, zu deren Befriedigung auf Gegenseitigkeit basierende Netze der Abhängigkeit geknüpft werden. Meine These ist, dass in der Art der Juchiteken, Behinderung als zum Alltag gehörend anzunehmen, eine Subsistenzorientierung zum Ausdruck kommt, die nicht nur die unmittelbare Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens stellt, sondern auch der Bedürftigkeit und den Bedürftigkeiten und nicht zuletzt der Abhängigkeit voneinander einen Platz einräumt. Nicht nur Nahrung ist Kommunikationsmedium auf den Festen und auf dem Markt, sondern auch die gegenseitige Abhängigkeit wird ritualisert, und: Unterstützungs- und Hilfsbedürftigkeit bekommen nicht den Stempel einer lästigen Unregelmäßigkeit im Arbeitsalltag, sondern werden vielmehr als normal und ausgleichbar gesehen.

Während meines Aufenthaltes in Juchitán erlebte ich mehrmals, wie Freundinnen nach einer Operation zu Hause von Verwandten und Bekannten versorgt und gepflegt wurden. Die vom Arzt verordnete Zeit der Rekonvaleszenz, in der die Frauen nicht arbeiten und sich nicht anstrengen sollten, verdoppelte die weibliche Verwandtschaft in jedem der Fälle, und der Genesenden wurden alle Tätigkeiten, einschließlich Duschen und Ankleiden abgenommen. Die Betroffenen wiederum hatten offenkundig kein Problem, die umfassenden Hilfeleistungen anzunehmen. Es war für mich während meines fast zweijährigen Aufenthaltes ein durchaus mühseliger Prozess, zu lernen, dass sich die Menschen in Juchitán weit weniger als eigenständig, autonom und selbstständig sehen beziehungsweise bemühen, dies zu sein, denn als unterstützungs- und hilfsbedürftig (Holzer 1996). Die Juchitecos haben nicht die Vorstellung, 'ihren Weg alleine machen zu können' - und dies nicht nur im übertragenen Sinne: tatsächlich begleitet man sich ständig gegenseitig (Holzer 1996:8f). Menschen, die einer Unterstützung und Hilfestellung bedürfen, fallen so nicht weiter auf, was sich in der Institutionenlandschaft dieser Stadt widerspiegelt. Seit 1986 gibt es dort zwar eine Sonderschule - ein Schulzentrum für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen - und es existieren außerdem ein Heim für verwaiste Kinder, ansonsten aber keine Alten-, Pflege- oder Behinderteneinrichtungen.

... deshalb gibt es dort die Trennung in 'Behinderte' und 'Nicht-Behinderte' nicht
Die Trennung der Menschen in diejenige, die autonom und selbstständig ihr Leben alleine machen und diejenige, die dazu nicht in der Lage sind beziehungsweise der Unterstützung bedürfen, macht in Juchitán wenig Sinn. Es gibt sie auch gar nicht. Bereits in der dort gesprochenen zapotekischen Sprache können Menschen mit einer Behinderung nicht als 'Behinderte' klassifiziert werden. Das Zapotekische kennt nur wenige differenzierte Bezeichnungen für unterschiedliche F ormen der Behinderung. So gibt es Ausdrücke dafür, dass ein Mensch nicht hört, nicht spricht, nicht sieht oder dafür, dass er hinkt. Benannt werden körperliche Funktionen, die gestört sind, und damit gleichzeitig von den Funktionen unterschieden, die nicht gestört sind. Die Blinde kann nicht sehen, aber sie kann sprechen und gehen und alles andere.

Die Sprache kennt außerdem einen Ausdruck für Menschen, die für 'Trottel' gehalten werden (gichaa). 'Gichaa' hat eine diskriminierende Konnotation. Der Begriff bezeichnet weniger eine dauerhafte Schädigung, denn eine Stimmung in bezug auf einen Mitmenschen in einer spezifischen Situation. ''Gichaa' werden auch Leute genannt, die keine Behinderung haben, aber andere verärgern oder sich unmöglich verhalten,' erläutert mir eine Köchin am Markt. Die Mutter von zwei Schülerinnen der Sonderschule, Asunción Regalado (Frau eines Taxifahrers und Händlerin), gibt einen Grund dafür, warum ihr der Begriff ein besonderer Dorn im Auge ist. Sie schildert mehrere Geschichten, in denen verärgerte Bekannte beziehungsweise Nachbarn ihre Töchter als 'gichaa' bezeichnen, um sie und ihre Familie zu treffen. Da sie sehr viel soziales Ansehen genießt, kann sie sich darüber aufregen, wenn ihr diese Art von Feindseligkeit und Boshaftigkeit begegnet. Bestandteil derselben Realität ist immerhin gleichzeitig, dass die Frauen und Männer gar nicht besonders bezeichnet werden (können), sie nicht anders unterschieden werden wie andere: Carmen und Monica, die Töchter, Enkelinnen, Nichten von ... Die Mitmenschen können sich auf Zapotekisch nicht auf deren Behinderung beziehen.

In einem auf Zapotekisch verfassten Flugblatt, das zum Tag der offenen Tür der Sonderschule einlädt, bezeichnen Verantwortliche der Schule SchülerInnen als 'gichaa'. 'Ich machte die Sozialarbeiterin darauf aufmerksam, dass sie dieses Wort nicht verwenden sollte. Allerdings habe ich es bis heute nicht geschafft, das Wort im Zapotekischen feiner zu gliedern, unterschiedliche Ausdrücke für leichte und starke Behinderungen zu finden,' bedauert Frau Regalado und spricht damit gleichzeitig ein zentrales Dilemma an, das ihre Geschichte und die ihrer Töchter insbesondere im Zusammenhang mit der Sonderschule prägt. Als ihre Töchter sechs und fünf Jahre alt waren, sprachen sie sehr schlecht. Frau Regalado wollte ihre Kinder deshalb in der Hauptstadt untersuchen lassen, was sie gegen ihren Mann und die gesamte Familie durchsetzen musste: 'Die Kinder sind gesund, sie sprechen eben später, sie sind nicht krank, das ist halt ihre Art zu sein, wofür schleppst du sie nach Oaxaca! ?', waren die 'Argumente' gegen eine Untersuchung. Für die (erweiterte) Familie sind die Mädchen 'normal', wodurch sich die Notwendigkeit einer besonderen Förderung erübrigt. Ist Behinderung aber erst einmal ein Thema, ist es von Bedeutung, verschiedene Arten und Grade von Behinderung zu unterscheiden. Ein Thema wurde sie im Zusammenhang damit, die Mädchen im Rahmen der eigens dafür etablierten Institution Sonderschule (unterschiedlich) zu fördern.

In der westlich-industrialisierten Gesellschaft geht die Differenzierung von Graden und Arten der Behinderung mit einer Gesetzgebung einher, die für alle gleiche Rechte und staatliche Unterstützung verspricht. Immer ausdifferenziertere Definitionen, Kriterien und Maßeinheiten für den Schweregrad von 'Behinderungen' festigen deren Status als solche; der Personenkreis derer, die als behindert zu gelten haben, dehnt sich aus und das Paradoxon im Sinne Stikers etabliert sich: Um nicht mehr als 'andere' Menschen in Erscheinung zu treten, werden Menschen mit Behinderung gekennzeichnet, sie werden benannt, um unerwähnt bleiben zu können. (Stiker 1982 in Ingstad; Whyte 1995:8; Übers., d.V.) Mit der Kategorie 'behindert' sind 'andere' geschaffen. Das Augenmerk bei der Benennung richtet sich auf den Makel, hinter dem Fähigkeiten und Individualität verschwinden. Daran ändert auch die Differenzierung nichts mehr.

Menschen werden in Juchitán nicht auf ihre Behinderung reduziert ...
Die meisten Methoden, mit denen bei uns eine Annäherung von Behinderung an das Normal-Sein geschaffen werden soll - beispielsweise selbstverdientes Geld, Beschulung und besondere Fördermaßnahmen - haben mit der Normalität von Behinderung in Juchitán nichts zu tun. Ein Stück weiter in der Beschreibung dessen, wie sich dort das Normal-Sein äußert, bringt uns Erving Goffmans Konzept der Stigmatisierung. Als Stigmatisierung beschreibt er den Prozess, der in unserer Gesellschaft aus dem Anders-Sein ein Außenseiterdasein macht. Er bezeichnet damit den Vorgang in der sozialen Begegnung, in dem das 'behinderte' Gegenüber auf seine Behinderung reduziert, und die Bandbreite der Interaktionen, die möglich wären, nicht mehr ausgeschöpft wird. Die so auf ihr Stigma verwiesene Person weiß um ihre Auffälligkeit und auch darum, dass ihr Gegenüber weiß, dass sie es weiß. Das ist keine Wortspielerei, sondern die Beschreibung einer Situation, die angespannt und nicht 'normal' ist. Die 'makellose' Person kann diese Situation als Quelle kontinuierlicher Verunsicherung meiden. Für die 'behinderte' gibt es kaum andere Situationen, sie ist immer wieder auf ihre Behinderung verwiesen. (Goffman 1994).

In Juchitán ist das anders, wie eine kleine Episode aus dem Alltag illustrieren kann: Carmen (22) und Monica (21), wollen sich für ihren Geburtstag auf dem Markt je ein Kleid aussuchen. Die beiden bewegen sich mit mir von Stand zu Stand, die jungen Frauen wählen aus, probieren an und verhandeln. 'Wie viel kostet das Kleid?' Die Händlerin nennt den Preis. 'Warum kostet es heute soviel, letzte Woche war es doch billiger?' Die Händlerin verneint. Der Preis sei immer der gleiche gewesen. 'Warum verkaufst Du so teuer?' Die Verkäuferin nennt den Preis, der für sie die unterste Grenze darstellt. Carmen übernimmt die Leitung der Einkaufstour als juchitekische Händlerin, nicht als Schülerin der Sonderschule. Was in Juchitán Alltagsnormalität ist, beeindruckt die Betrachterin einer Gesellschaft, in der sie ein solches Wechselspiel kaum erlebt: die Verkäuferinnen reagieren überhaupt nicht auf die Sprachschwierigkeiten der beiden. Interaktionen, die möglich sind, finden statt. Die Käuferinnen brauchen also weder auf (mögliche) Verunsicherungen ihres Gegenübers zu reagieren, noch nehmen sie sich selbst als verunsichernd wahr.

..., vielmehr haben auch sie etwas zu geben
Auf die Behinderung reduziert zu werden, bedeutet vom gegenseitigen Geben und Nehmen ausgeschlossen zu sein, und das ist sehr folgenschwer für das Wohlbefinden und die Würde von Menschen. Darauf machte mich Alicja Schmidt, eine Freundin mit Down-Syndrom, aufmerksam. Sie begleitete mich 1995 zusammen mit ihrem Mann nach Juchitán. Beide sind Mitglieder des Vereins 'Behinderte helfen Behinderten e.V. in Bielefeld'. In einem Interview, das ich mit A. Schmidt nach dieser Reise führte, kontrastierte sie ihre Befindlichkeit in Juchitán immer wieder mit der an ihrer Arbeitsstätte in Bielefeld (Behindertenwerkstatt): 'Ich habe mich nicht .... als Behinderte behandelt gefühlt. Hier wird man richtig als Behinderte behandelt. Das merkt man, wenn man sich mit Menschen unterhält. .. ., das geht vom Gespräch schon selber aus, ob es vom Herzen kommt oder nicht. Als ob es nur so daher gesagt ist, und das habe ich bei den Menschen in Mexiko nicht so empfunden. Als würden die Leute hier sich nicht ernsthaft auf einen einlassen'.(Interview vom 4.11.1995, Seite 16, Zeile 8-14) Auf die Nachfrage 'Du hattest also nicht das Gefühl, dass die Leute in Juchitán dich und Wolfgang (ihr Ehemann, d. V.) als Behinderte behandelt haben?', antwortete sie: 'Das habe ich nicht gehabt, das Gefühl. Von allen.

Mich hat das sehr traurig gemacht, wie auf einmal Chion (Frau Regalado, d.V) kam und weinte. Das ging mir sehr ans Herz. Ich dachte so im Stillen, sie hat es bestimmt nicht einfach....' (Interview vom 4.11.1995, Seite 18, Zeile 1-11). Frau Schmidt bezieht sich hier auf eine Situation, in der Frau Regalado verzweifelt und enttäuscht über das Verhalten ihres Mannes in den Hof unserer Gastgeberin kam und sich dort von ihr in den Arm nehmen ließ und Trost holte (von ihr und nicht von den anderen anwesenden, vertrauten Frauen). Damit hat Frau Regalado Frau Schmidt definitiv den Status einer Behinderten genommen, indem sie sie zu einer Person machte, die ihr etwas geben und zu ihrer Situation etwas beitragen kann. Das ist offensichtlich keine selbstverständliche, alltägliche Erfahrung für Frau Schmidt. Vielmehr kritisiert sie die Situation in ihrer Werkstatt vor dem Hintergrund des in Juchitán Erlebten. 'Ich sage nicht gern Behinderte, weil es dann auch weh tut innerlich. Aber man ist von den Betreuern schon richtig so fixiert worden, dass man so denken und empfinden soll. Ich habe in der letzten Zeit, seit wir wieder hier sind, ... , wo ich arbeite, gemerkt, keiner interessiert sich so richtig für den anderen und wenn man Fragen hat an den Betreuer oder so, dann wird gesagt, halt die Klappe, mach' deine Arbeit. .... Was willst du eigentlich, fühlst dich etwas besonderes, weil du geheiratet hast, Schmidt heißt und es gewagt hast, aus dem Heim zu gehen. Du kriegst sonst ja keine Arbeit, bist doch von uns abhängig (Interview 4.11.1995, Seite 16, Zeile 16-24).

Den Institutionenalltag in Deutschland kennzeichnet die unüberwindbare Trennung zwischen Hilfstätigen und Hilfsbedürftigen
Auch ich vermag mir kaum vorzustellen, dass Frau Schmidt eine in der Werkstatt angestellte Betreuerin tröstet. Das wesentliche Merkmal der Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen scheint vielmehr die unüberwindbare Trennung zwischen Hilfsbedürftigen und Hilfstätigen. Definiertermaßen abhängig, sind BewohnerInnen der Institutionen darauf reduziert, zu nehmen. Ihnen stehen selbstständige und unabhängige Menschen gegenüber, die in der Lage sind, Bedürftigen zu helfen. Die Rolle der Sozialpädagoginnen und -arbeiterinnen ist es, in dieser Begegnung auf keinen Fall selbst bedürftig zu sein.

Das Muster, Menschen aus der Gegenseitigkeit auszuschließen, indem sie zu Nehmenden gemacht werden, die nichts geben können, finden wir übrigens auch immer wieder in der Art, wie Leute der sog. Ersten Welt denen der sog. Dritten begegnen. Das Alltagsdenken, die staatliche Entwicklungshilfe und auch die so ernstgemeinte der Nichtregierungsorganisationen erheben den Anspruch zu helfen und reproduzieren dabei nur allzuoft die Kehrseite der Medaille, Menschen auszubeuten, von ihnen zu nehmen, ohne zu geben: sie sind in beiden Fällen nie gleichwertige Gegenüber. Das Muster zeigt sich so penetrant, dass es sich lohnt, die weitere kulturvergleichende Analyse nicht auf diejenigen zu konzentrieren, die der Hilfe (scheinbar) bedürfen, sondern auf das Bedürfnis, Hilfsbedürftige zu schaffen, das sich in den Einrichtungen unserer Gesellschaft so deutlich abzeichnet.

Der Vergleich zwischen der mütterzentrierten, subsistenzorientierten Gesellschaft Juchitáns mit der patriarchalen Geld- und Warenökonomie Deutschlands
Vergleichen wir die Gesellschaft Deutschlands mit der Juchitáns als 'symbolischen Ordnungen' im Sinne Luisa Muraros. Mit dem Begriff der symbolischen Ordnung benennt Luisa Muraro Bedeutungsstrukturen, die dadurch zustandekommen, dass die Menschen die Vielfältigkeit der Wirklichkeit innerhalb ihres sozialen Kontextes gemäß spezifischer Muster - Bedeutungszusammenhänge - erkennen und benennen. (Muraro 1993) Die Frauenforschung der industrialisierten Länder beschreibt seit ihrem Bestehen die 'symbolische Ordnung' dieser Länder als patriarchale. 'Arbeit' wird hier große Bedeutung zugemessen.

Als Arbeit werden aber in erster Linie die Tätigkeiten wahrgenommen, die bezahlt und/oder formalisiert organisiert sind beziehungsweise in Verbindung mit der Geld- und Warenwirtschaft stehen. Die Konsequenz ist, dass viele Tätigkeiten, obschon sie grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigen, wie die nicht-bezahlte Hausarbeit der Frauen (daraus der Bereich der beziehungsstiftenden und -erhaltenden Arbeit) weder als Arbeit gesehen, noch angemessen gewürdigt werden. Nicht die Subsistenzproduktion gilt im alltagspraktischen und wirtschaftswissenschaftlichen Denken als Lebensgrundlage, sondern die Produktion, die uns immer mehr vom Lebensnotwendigen entfernt (Holzer 1997). In dieser Geringschätzung der Subsistenzproduktion ist die weibliche - insbesondere mütterlicher - Leistungen enthalten. Die Geringschätzung ist infolge Louisa Muraro Ausdruck dafür, dass in der symbolischen Ordnung des Patriarchats dem 'Ursprung aus der Mutter' keine Bedeutung zukommt.

Das Verschweigen der (Bedeutung der) mütterlichen Herkunft ist Muraro zufolge die Grundlage dafür, dass im Patriarchat nicht wahrgenommen wird, nicht benannt wird und nicht angemessen repräsentiert wird, was die Potenz und Leistung der Frauen ist. Demgegenüber kann in bezug auf den Bevölkerungsausschnitt der Bauern und Händlerinnen in Juchitán von einer symbolischen Ordnung der Mutter gesprochen werden, da die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Organisation Juchitáns entlang einer weiblichen Genealogie strukturiert ist. Diesen Begriff, der die weibliche Linie der Erbfolge bezeichnet (z. Bsp.: der Name der Mutter wird an die Kinder weitergegeben, nicht der des Vaters) auf die gesellschaftliche Organisation Juchitáns übertragen, bedeutet, dass die Mutter als Ursprung des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens in den Symbolen der Kultur präsent ist. Die Figur der Mutter ist der des bedürftigen, abhängigen und ungeschickten Wesens (Kind, Säugling) komplementär. Das heißt, die versorgenden Aufgaben der Mutter und die Bedürfnisse, die sie bedient, haben einen Namen, werden benannt. So etwa, wenn die Herstellung und Verteilung von Nahrung, die im Mittelpunkt der Frauenarbeit in Juchitán stehen, als Ökonomie bezeichnet werden - (im Gegensatz zu Deutschland, wo viele Hausfrauen behaupten, 'ich arbeite nicht', und 'Ökonomie' mit industrieller Produktion und nicht mit Versorgung verbunden wird) - oder Frauen und die Verteilung von selbsthergestellter Nahrung den Mittelpunkt des Festgeschehens darstellen, oder Hilfsbedürftigkeit nicht als Unregelmäßigkeit behandelt wird (demgegenüber in Deutschland: die ausdifferenzierte Institutionenlandschaft).

'Behinderte' gibt es bei uns, weil Bedürftigkeiten kulturell keinen Stellenwert haben
Aus dieser Gegenüberstellung der symbolischen Ordnungen ist es nicht so schwierig, abzuleiten, warum das autonome Individuum, das nicht in erster Linie bedürftig ist, sondern selbstständig, und das ohne das Zutun anderer auskommt, d.h. unabhängig ist, das Ideal der patriarchalen Gesellschaft darstellt. Der Ursprung aus der Mutter ist weder symbolisch noch durch die gesellschaftlichen Institutionen repräsentiert, beispielsweise in der/ durch die Sprache oder durch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze. Es ist schwierig, den Ursprung aus der Mutter und damit sich selbst als hilfsbedürftiges Wesen anzuerkennen. Doch warum scheint es dem autonomen und selbstständigen Individuum so wichtig, Menschen, die eine Unterstützung brauchen, so einseitig auf deren Hilfsbedürftigkeit zu reduzieren? Vielleicht weil die eigene Unabhängigkeit letztlich doch künstlich und nur eine Illusion ist?

Für die Verdrängung der eigenen Abhängigkeiten braucht das autonome Individuum viel Disziplin, müssen die Menschen ihr Angewiesensein und ihre Bedürftigkeit doch ständig leugnen. Behinderung und die Art des Umgangs in unserer Gesellschaft damit, spielt dann die Rolle, diese Illusion von Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. 'Behinderte' können den Hintergrund bilden, vor dem 'Gesunde und Normale' sich stark und unabhängig fühlen können (vergleiche Pixa-Kettner 1988). Vor dem Hintergrund angewiesener Personen können sich diejenigen, die 'es alleine machen' aber nur abheben, wenn der Abhängigkeit und Angewiesenheit von anderen die kulturelle Repräsentation und gesellschaftliche Akzeptanz entzogen bleibt. Das Stigma 'behindert' entzieht dem bedürftigen und angewiesenen Menschen den Status 'normal'. Alicja Schmidt brachte es auf einer Podiumsveranstaltung auf den Punkt: 'Die Leute sagen: 'du bist krank - weil ich behindert bin - und deshalb bist du nicht normal. Ja, ist es denn nicht normal, krank zu sein?'

Auch der stark spastisch gelähmte Gründer von Danceability (einer Abwandlung der Tanzform Kontaktimprovisation) führt uns vor Augen, dass es 'Behinderte' gibt, weil Menschen meinen, andere nicht brauchen zu dürfen. Er stellt in einem Fernsehinterview auf die Frage: wie er als Behinderter solche Leistungen (den Tanz, d.V.) erbringen könne, die Gegenfrage: ' Warum denken sie, ich bin behindert? Ich kann sagen, was ich brauche, können sie das?'

Anmerkungen:
1)vgl. hierzu die Analysen der Sozialstruktur Juchitans, unter anderen: Bennholdt-Thomsen, Veronika (Hg.): Juchitan - Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriachat. Rororo.Reinbek, 1994; Holzer, Brigitte: Subsistenzorientierung als 'widerständige Anpassung' an die Moderne in Juchitan. Oaxaca, Mexiko, Peter Lang, Frankfurt/Main 1996; Campbell, Howard et al: Zapotec Struggles. Histories, Politics and Representations from Juchitan, Oaxaca, Washington and London, Smithsonian Institution Press, 1994, S. 87-100

2) Es macht Sinn, diesem Zusammenhang zu beobachten, wie leicht Leute hier auf Behinderungen zurückgreifen, um Menschen zu bezeichnen, zum Beispiel 'Das behinderte Mädchen im Haus gegenüber'.

Literatur:
- BARNETT, H.G.: The Nature of Potlatch, in: American Anthropologist, No.40, 1938
- BINTIG, Arnfried: Wer ist behindert? Berichte zur beruflichen Bildung. Heft 29, 1980
- BENNHOLDT-THOMSEN, Veronika (ed.): Juchitán - Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat. Rororo. Reinbeck 1994
- GOFFMANN, Erving: Das Stigma, Frankfurt/Main. Suhrkamp, 1975
- HOLZER, Brigitte: Initiative 'Voneinander-Lernen' in Juchitán, Mexiko und Bielefeld Deutschland. Hrsg. KED im diakonischen Werk von Westfalen. Münster, 1996
- HOLZER, Brigitte: Subsistenzorientierung als 'widerständige Anpassung' an die Moderne in Juchitán, Oaxaca, Mexiko, 1996, Peter Lang
- HOLZER, Brigitte: Das Verschwinden der Haushalte: gesellschaftliche und geschlechtliche Arbeitsteilung in der Wirtschaftstheorie, in: Komlosy, A., et al (Hg), Ungeregelt und unterbezahlt. Der Informelle Sektor in der Weltwirtschaft. Verlag Brandes & Apsel. Wien, S. 117-131, 1997
- IBEN, G.: Zum Begriff der sozialen Benachteiligung, in: Deppe-Wolfinger, H., behindert und abgeschoben. Zum Verhältnis von Behinderung und Gesellschaft. Weinheim und Basel, 1983
- INGSTAD, Benedicte; REYNOLDS WHYTE, Susan: Disability and Culture. University of California Press. Berkeley, Los Angeles, London, 1995
- LEVI-STRAUSS, Claude: Tristes Tropiques. Jonathan Cape. Thirty Bedford Square London, 1973
- MAUSS, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/M. Suhrkamp, 1990 (1950)
- MURARO, Luisa: Die symbolische Ordnung der Mutter, Frankfurt/New York, Campus, 1993
- OSWALD SPRING, Ursula: El alimento como vehiculo de bienestar individual y social, in Bennholdt-Thomsen, V. Juchitán, la ciudad de las mujeres. Instituto oaxaceño de las culturas. Oaxaca, 1997
- PIXA-KETTNER, Ursula: Zwischen traditionellen Werten und Kolonialismus - Einstellungen gegenüber Behinderung in Zimbabwe, in: Kemler, H., Behinderung und Dritte Welt. Annaeherung an das zweifach Fremde. IKO. Frankfurt, Main, 1988, S. 70-91
- RENTMEISTER, Cillie: Frauenwelten - Männerwelten, Leske und Budrich, Opladen, 1985


Weitere Informationen:


Englisches Abstract:

Life of disabled persons in a town in South West Mexico


Abstract:


The paper attempts to make comprehensible the ordinary, taken for granted, way in which difference, in the form of disability, is dealt with in a town in South West Mexico. The significance of Holzer's findings lies neither in the lack of opportunities for disabled persons to live a mostly independent life nor in the attempt to discover, accordingly, how cultural differentiation takes place in Juchitan since the differentiation of the disabled from the able-bodied there scarcely plays a role. Rather, in her study, Holzer identifies the structural basis of interaction that not excludes disabled individuals from being equal members of the society.


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Forschungsergebnis / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Heute: Behinderung und internationale Entwicklung - Disability and International Development
Homepage: http://www.zbdw.de/

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Referenznummer:

R/ZA1101


Informationsstand: 15.10.2003

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