Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Evaluation des Modellprojekts Berufliche Integration nach Stationärer Suchtbehandlung (BISS)

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.



Autor/in:

Styp von Rekowski, Anne


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Freiburg im Breisgau: Eigenverlag, 2014, 442 Seiten: PDF


Jahr:

2014



Link(s):


Ganzen Text lesen (PDF | 7 MB)


Abstract:


Hintergrund:

Suchtmittelabhängigkeiten ziehen neben körperlichen und psychischen Folgen bedeutende berufsbezogene Konsequenzen nach sich. Rehabilitationsleistungen haben neben der Erreichung von Suchtmittelfreiheit zum Ziel, Beeinträchtigungen der Teilhabe am Arbeitsleben abzuwenden und die Rückkehr in das Arbeitsleben zu erreichen. In der deutschen Suchtrehabilitation sind daher berufsbezogene Maßnahmen fest verankert. Im Rahmen der Nachsorge kann eine intensive berufsbezogene Weiterbetreuung aufgrund eingeschränkter Ressourcen jedoch zumeist nicht umgesetzt werden, weswegen vermehrt der Ausbau berufsbezogener Projekte und Initiativen gefordert wird. Für die Wirksamkeit spezifischer berufsbezogener Maßnahmen im Anschluss an die Rehabilitation in Deutschland liegen vereinzelte Hinweise vor, internationale Studien konnten die Wirksamkeit berufsbezo-gener Elemente in der Suchtbehandlung belegen.

Das Projekt 'berufliche Integration nach stationärer Suchtbehandlung' (BISS) richtet sich an ehemalige Suchtmittelabhängige nach erfolgreichem Abschluss einer stationären Rehabilitationsmaßnahme. Arbeitslose Klienten werden im Prozess der Arbeitsintegration unterstützt. Klienten nach erfolgreicher Integration in Arbeit werden mit dem Ziel der langfristigen Aufrechterhaltung des Arbeitsplatzes über ein Jahr hinweg begleitet, wobei auch deren Arbeitgeber vertraglich eingebunden werden. Hierdurch soll eine frühzeitige Intervention bei Schwierigkeiten oder Rückfällen gewährleistet werden. Zum Angebot von BISS gehören regelmäßige Gruppenangebote und unangekündigte Suchtmittelkontrollen sowie bedarfsbezogene Angebote wie Einzelgespräche und Krisen- bzw. Rückfallinterventionen. Das Projekt wurde vom Integrationszentrum Lahr der Rehaklinik Freiolsheim durchgeführt und, wie auch die Evaluationssstudie, von der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg gefördert.

Methodik:

Die Konzeption der Studie umfasst eine summative und formative Evaluation des BISS-Projekts. Der Evaluation lag ein quasi-experimentelles Prä-Post-Vergleichsgruppendesign mit einer Zwischenmessung zugrunde. Weitere Datenquellen waren Interviews im Rahmen der Stakeholder-Befragungen sowie die Verlaufsdokumentationen des Projekts. Es wurden qualitative und quantitative Erhebungsinstrumente verwendet. Die Fragestellungen bezogen sich auf den Bedarf, Erwartungen und Zielsetzungen, den Prozess, Effekte und Wirkungen sowie den Aufwand und die Kosten. Die Stichprobe bestand aus der Interventionsgruppe (t1: n=39, t3: n=21), der Vergleichsgruppe (t1: n=65, t3: n=26), den Arbeitgebern der Klienten (n=12) sowie weiteren Stakeholdern (n=13). Die qualitativen Daten wurden in An-lehnung an die von Mayring (2010) vorgeschlagene Technik der 'Zusammenfassung' und der 'induktiven Kategorienbildung' ausgewertet, ggf. gefolgt von quantitativen Analysen. Im Gruppenvergleich wurde der U-Test nach Mann und Whitney bzw. der Chi-Quadrat Test verwendet. Als Effektmaße wurden Cohens d sowie die Zusammenhangsmaße Yules Y, Cramers V bzw. die rangbiserale Korrelation berechnet.

Ergebnisse:

Der Bedarf einer beruflichen Maßnahme wie BISS wurde im Rahmen der Stakeholderbefragungen, als auch bei der Betrachtung der besonderen beruflichen Problemlagen der Interventions- und Vergleichsgruppenteilnehmer deutlich. Berufliche Problemlagen äußerten sich unter anderem in Defiziten in der Berufsausbildung und -erfahrung, was die Inanspruchnahme einer beruflichen Rehabilitationsmaßnahme rechtfertigt. Die befragten Stakeholder sehen für nahezu alle Suchtmittelabhängigen nach einer Rehabilitationsbehandlung eine Indikation für eine Maßnahme wie BISS. Teilnahmegründe der Rehabilitanden waren insbesondere das durch das Projekt vermittelte Gefühl der Sicherheit und die Suchtmittelkontrollen sowie die angebotene Hilfe bei der individuellen Zielerreichung (zum Beispiel Arbeit und Stabilität der Abstinenz).

Im Projekt wurde viel Unterstützung geleistet, wobei aufgrund von Ressourcenknappheit weniger Suchtmittelkontrollen und Arbeitsplatzbesuche durchgeführt wurden, als dies in der Konzeption vorgesehen ist. Dennoch wurde das Projekt insgesamt von allen Beteiligten positiv bewertet. Die Wirksamkeit konnte zum Zeitpunkt t3 insbesondere in Bezug auf suchtbezogene Faktoren nachgewiesen werden. Durch das Projekt BISS war in der Interventionsgruppe ein höherer Anteil zur Abstinenz verpflichtet als in der Vergleichsgruppe (p=.000; Y=.76), was auch häufiger von Kontrollen begleitet (p=.487; Y=.35) war. Weniger der nach einem Jahr befragten Personen der Interventionsgruppe hatten Suchtmittel konsumiert (IG: 19% vs. VG: 65,4%; p=.001; Y=-.48). Nach Annahme des Auffangangebots und der weiterführenden Teilnahme waren BISS-Teilnehmer wieder vollständig abstinent. Die dauerhafte Teilnahme an BISS geht also mit einer abstinenten Lebensführung einher. In der Vergleichsgruppe gaben hingegen 60 % der Personen, die im Verlauf des Jahres konsumiert hatten, auch zum Zeitpunkt nach einem Jahr an, aktuell nicht vollständig abstinent zu sein (p=.255; Y=.43). Die Prozessevaluation zeigte zudem eine gute Inanspruchnahme des gesamten Unterstützungsangebots sowie einen Integrationserfolg und eine hohe berufliche Stabilität bei den Teilnehmern, welche auch durch den Einbezug der Arbeitgeber gefördert wurden. Die Teilnahme am Projekt BISS ging mit einer guten Erreichbarkeit bei Kontaktversuchen und einer hohen Teilnahmequote an der Evaluationsstudie einher.

Diskussion:

Das Projekt BISS ist in die Rehabilitationsnachsorge einzuordnen. Es soll durch die berufsbezogene Ausrichtung die in der Literatur beschriebenen Versorgungslücken im Bereich der Suchtnachsorge füllen. Durch die regelmäßigen und bei Bedarf angebotenen Elemente, die aktive Einbindung des Arbeitgebers und die schnelle Hilfe bei Rückfälligkeit kommt das Projekt der Forderung eines individuellen, bedarfsbezogenen Ansatzes nach. Es unterstützt damit das Ziel von Rehabilitationsleistungen, nämlich die dauerhafte berufliche Integration und die Aufrechterhaltung der Abstinenz. Durch die Berücksichtigung verschiedener evaluativer Zugänge und Befragung von Interessengruppen konnten Aussagen zu unterschiedlichen Aspekten des Projektes gemacht werden, die der Weiterentwicklung des Projektes dienen. Methodische Einschränkungen ergeben sich aus dem hohen Dropout und der damit verbundenen kleinen Stichprobe zu t3. Zudem ist anzunehmen, dass der Dropout in Zusammenhang mit einem höheren Suchtmittelkonsum und einer schlechteren beruflichen Integration steht. Es zeigte sich der Bedarf an weiteren Ressourcen zur adäquaten Umsetzung des Projekts sowie die Notwendigkeit der Weiterentwicklung von Abläufen (Rückfallintervention) und der ausführlicheren Dokumentation der Interventionen. BISS bietet für diejenigen, die es wünschen, einen abstinenzförderlichen Rahmen, indem es Teilnehmer in ihrer Entscheidung, abstinent zu leben unterstützt, stärkt oder ggf. auch wieder dahin zu-rückholt. Die Weiterführung des Projektes ist in Anbetracht der Evaluationsergebnisse zu empfehlen, wobei Maßnahmen konkretisiert, konzeptionsgetreu umgesetzt und systematischer dokumentiert werden sollten. Hierfür scheint die Erhöhung der zur Verfügung stehenden Ressourcen notwendig. Weiterer Forschungs- und Evaluationsbedarf besteht bei der Beurteilung des Einflusses der Suchtmittelkontrollen, worüber hier aufgrund der unregelmäßigen Durchführung keine Aussagen gemacht werden konnten. Die Integration des Projektes in vorhandene Strukturen hat sich bewährt. Die Schnittstelle zur Nachsorge ist durch die bereits vorhandene therapeutische Beziehung zu den Durchführenden auf ein Minimum reduziert. Zudem ist das Projekt, bei der aktuell bereitgestellten Finanzierung, auf die durch die Anbindung zur Verfügung stehenden Ressourcen angewiesen. Eine Ausweitung des Projektes im Sinne eines BISS-Netzwerkes könnte dazu beitragen, Rehabilitanden auch nach dem Verlassen der Region weiter unterstützen zu können.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '23. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Arbeit - Gesundheit - Rehabilitation' | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


k. A.

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV8165


Informationsstand: 09.09.2014

in Literatur blättern