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Bibliographische Angaben zur Publikation

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in Deutschland


Sammelwerk / Reihe:

Psychologie Gesellschaft Politik


Autor/in:

Ulich, Eberhard; Albani, Cornelia; Blaser, Gerd [u. a.]


Herausgeber/in:

Berufsverband Deutscher Psychologen e.V. (BDP)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2008, 84 Seiten: PDF


Jahr:

2008



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Link zu dem Bericht (PDF | 1,2 MB)


Abstract:


Der Bericht beleuchtet das Thema Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz aus den verschiedensten Perspektiven. So wird nicht nur die psychische Gesundheit beziehungsweise die Belastung am Arbeitsplatz untersucht, sondern auch die von Arbeitslosen und Berufstätigen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Wir haben zudem Berichte zusammengetragen, die sich mit den gesundheitlichen Risiken bestimmter Berufsgruppen befassen, und sind der Frage nachgegangen, warum gerade Mitarbeiter im Gesundheitswesen, Lehrer und Lokführer besonders unter beruflichen Belastungen leiden.

Im Bericht werden beispielhafte Projekte zur Gesundheitsförderung besonders stark betroffener Berufsgruppen vorgestellt. Es werden Strategien beschrieben, wie jeder Einzelne, aber auch Organisationen und Unternehmen Stress besser bewältigen und sich besser auf die weiteren Umwälzungen im Arbeitsleben vorbereiten können. Resilienz heißt hier der neue Trend.

Zum einen liefert dieser Bericht des BDP damit einen Gesamtüberblick über die psychischen Belastungen und die Krankheitslast in Verbindung mit dem Arbeitsleben. Zum anderen werden bestimmte Bereiche näher betrachtet, Probleme deutlich gemacht und am Ende vom Verband auch Lösungen vorgeschlagen beziehungsweise Empfehlungen formuliert. Die meisten Autoren sind sich einig darin, dass es für Unternehmen und Organisationen viel zu tun gibt bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Bei der Themenplanung sind wir auf eine bedauerliche Lücke gestoßen: Trotz aller gesellschaftlicher Diskussionen um die bessere Integration von Migrantinnen und Migranten gibt es in Deutschland offensichtlich keine Forschung, die sich mit der gesundheitlichen Lage und psychischen Befindlichkeit von Migranten im Arbeitsleben befasst.

Die aktuelle Forschung scheint sich mit der Lebenswelt der Migranten nur dann zu beschäftigen, wenn diese den klassischen Vorurteilen entsprechen. Untersuchungen zur Kriminalitätsrate bei jugendlichen Migranten oder zur gesundheitlichen Lage von Flüchtlingen finden sich problemlos. Interessieren wir uns für Migranten etwa nur, solange sie eine Sonderrolle einnehmen, und nicht mehr, wenn sie zum Beispiel in das Arbeitsleben integriert sind? Wir sind gespannt auf kommende wissenschaftliche Untersuchungen dazu!

Einen Gesamtüberblick über die Krankheitsbelastung durch psychische Störungen liefert Prof. Ulich in seinem Text. Er konstatiert einen drastischen Anstieg der psychischen und der Verhaltensstörungen. Sie haben binnen fünf Jahren um 59% zugenommen. Schätzungen zufolge werden die depressiven Verstimmungen bis zum Jahr 2020 nach den Herzerkrankungen an die zweite Stelle der weltweiten Krankheitsbelastungen rücken. Damit wird deutlich, dass sich das Spektrum der sogenannten Zivilisationserkrankungen weiter verändert. Auch bei Rückenschmerzen lassen sich Zusammenhänge zum arbeitsbedingten Stress finden. Ursachen für diese arbeitsbedingten psychischen Belastungen und Störungen finden sich unter anderem in der Unternehmenskultur und im Führungsverhalten.

Sehr verbreitet ist inzwischen auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Sie betrifft inzwischen circa ein Viertel der Berufstätigen. Diese Angst ist subjektiv stark belastend, auch wenn sie nicht unbedingt eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Gefährdung des Arbeitsplatzes widerspiegelt. Sorgen um den Arbeitsplatz gehen mit erheblichen psychischen und körperlichen Belastungen einher. In den Bereichen 'chronischer Stress' und 'Mangel an sozialer Anerkennung' weist die Gruppe der Berufstätigen mit Sorgen um den Arbeitsplatz sogar höhereWerte als tatsächlich Arbeitslose auf! Damit wird deutlich, wie stark die psychischen Belastungen sind, unter denen auch die von Kündigungswellen (noch) nicht selbst Betroffenen leiden.

Gut untersucht sind die negativen Folgen der Arbeitslosigkeit auf die psychische und körperliche Gesundheit. Die Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittstudie zeigen deutlich, dass bei Arbeitslosen fast alle Erkrankungen häufiger auftreten und ihr Sterblichkeitsrisiko fast vierfach höher sein kann. Besonders die Psyche leidet unter dem Arbeitsplatzverlust. Am stärksten belastet sind Männer, jüngere Personen und Langzeitarbeitslose. Das Vorliegen von Interventionsstrategien zur Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen macht Hoffnung zumindest auf eine Verbesserung des Gesundheitszustandes, auch wenn damit die Auslöser nicht behoben werden. Leider nehmen Arbeitslose selbst ihre erhöhte gesundheitliche Belastung nur selten wahr.

Die Beachtung der Geschlechterperspektive und damit eine veränderte Definition der Begriffe 'Arbeit' und 'Arbeitsplatz' wird eingefordert, wenn es um die psychische Gesundheit von Frauen im Arbeitsleben geht. Frauen, so wird im Bericht des BDP konstatiert, sind nach wie vor besonders von der Doppelbelastung betroffen: Sie sind nicht nur erwerbstätig, sondern bewältigen dazu immer noch den größten Teil der Versorgungs- und Familienarbeit, mit entsprechenden besonderen Gesundheitsbelastungen.

Kritisch schaut der BDP in seinem Bericht auf die einseitige Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Stattdessen wird eine Flexibilisierung eingefordert, die zu einer besseren Vereinbarung von Erwerbsund Familienarbeit führen kann. In einigen Texten wird die psychische Gesundheit von bestimmten Berufsgruppen näher betrachtet. Der Beitrag von Dr. Kupper et al. widmet sich der psychischen Gesundheit in den Gesundheitsberufen. Paradoxerweise herrscht gerade in dieser Gruppe ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Burnout, Depression, Suchterkrankungen und Selbstmorde treten überdurchschnittlich häufig auf. Gleichzeitig werden aufgrund des Idealbildes vom 'Helfer' bei den Betroffenen psychische und andere Erkrankungen zu spät behandelt und gehen so nicht selten in chronische Zustände über. Ein hoher Entwicklungsbedarf besteht daher bei der Gesundheitsförderung und Prävention im Gesundheitswesen selbst, insbesondere beim Aufbau gesundheitsfördernder Organisationsstrukturen.

Beunruhigend ist auch der Bericht von Dipl.-Psych. Heyse zur psychischen Gesundheit im Lehrerberuf, der doch wegen der angeblich 'kurzen Arbeitszeiten' und 'langen Ferien' in der Öffentlichkeit oft als ein Beruf zum Ausruhen angesehen wird. Die Daten sprechen eine andere Sprache: Überdurchschnittlich oft werden Lehrer vorzeitig pensioniert, gut die Hälfte davon wegen psychischer und Verhaltensstörungen. Die Ursache hierfür sind zum einen die besonderen Anforderungen, die der Lehrerberuf mit sich bringt, zum Beispiel das sehr komplexe und störungsanfällige Tätigkeitsspektrum, das ja nicht nur aus reiner Unterrichtstätigkeit besteht, sondern auch aus Konfliktlösung, Sozialarbeit, Aufsicht, Materialorganisation usw. Hinzu kommen Faktoren wie Lärmbelastung und die Arbeitszeiten. Zum anderen zieht der Beruf des Lehrers auch bestimmte Personen mit hohen idealistischen Ansprüchen an, die im Studium schlecht auf ihre eigentlichen Aufgaben vorbereitet werden und dann ein erhöhtes Risiko für Burnout haben.

Neben der Darstellung von Problemen am Arbeitsplatz fehlt es im Bericht des BDP auch nicht an Beispielen für erfolgreiche Projekte sowie an Empfehlungen für Maßnahmen. Die Folgen und Kosten der aktuellen Gesundheitsbelastungen lassen sich nur mit Hilfe von modernem betrieblichen Gesundheitsmanagement verringern. Dabei gehen die neueren Ansätze weg von der eher personenbezogenen, individuellen Gesundheitsförderung, zum Beispiel durch Antistresskurse und Rückenschulen, und betonen eher die Notwendigkeit der Arbeits- und Organisationsgestaltung.

Die Umsetzung dieser Empfehlungen könnte nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern gleichzeitig die Effizienz in den Betrieben erhöhen. Damit wäre sowohl Arbeitgebern als auch den Beschäftigten gedient. Auf eine Rückkehr der 'alten Zeiten' zu hoffen, damit sich die Arbeitsbedingungen wieder verbessern und sich die Belastungen verringern, ist sicherlich illusorisch. Sowohl die Unternehmen und Organisationen als auch die Beschäftigten selbst müssen sich auf weiter andauernden Wandel in der Arbeitswelt einstellen. Dabei werden dieMenschen und Organisationen im Vorteil sein, die gut mit Stress und belastenden Ereignissen umgehen können.

Manfred Oetting beschreibt in seinem Beitrag, welche Bedingungen in Unternehmen und welche eigenen Ressourcen dazu beitragen können, Stressbelastungen gering zu halten und gut zu bewältigen. Im Kapitel zur 'Resilienz' wird ein neues Konzept vorgestellt, nach dem bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten bei einzelnen Menschen und in Organisationen dabei helfen, mit größeren Krisen gut fertig zu werden. Niemand ist mehr sicher vor größeren Veränderungen in der Arbeitswelt, die häufig auch auf das Privatleben ausstrahlen. So macht eine Präventionsstrategie Sinn, in der Bausteine der Resilienz bewusst gefördert werden.

Die Deutsche Bahn ist bereits aktiv geworden und hat ein Präventionsprogramm entwickelt, mit dem arbeitsbedingten psychischen Traumatisierungen vorgebeugt werden kann. Gerade Mitarbeiter von Verkehrsbetrieben sind einem stark erhöhten Risiko ausgesetzt, in schwere Unfälle verwickelt zu werden, bei denen Menschen getötet oder erheblich verletzt werden. Jeder Lokführer muss im Laufe seines Berufslebens mit durchschnittlich zwei Fällen rechnen! Findet anschließend keine adäquate Betreuung statt, entsteht als Folge oft eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Weitere erfolgreiche und beispielhafte Projekte zur Gesundheitsförderung werden in den letzten beiden Beiträgen beschrieben. Hier werden Maßnahmen vorgestellt, mit denen sich die Gesundheit besonders belasteter Berufsgruppen -Mitarbeiter im Krankenhaus und Lehrer - schützen und fördern lässt. Gerade wir Psychologen würden uns freuen, wenn möglichst viele Krankenhäuser, Schulen, Unternehmen und Organisationen die im Bericht des BDP enthaltenen Anregungen aufnehmen und in die Praxis umsetzen.

[Gemäß Einleitung]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Sammelwerk / Graue Literatur / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP)
Homepage: https://www.bdp-verband.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV4472


Informationsstand: 20.01.2009

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