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Bibliographische Angaben zur Publikation

Migrant(inn)en in der beruflichen Rehabilitation: Ergebnisse einer qualitativen Pilotstudie

Vortrag auf dem Zweiundzwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 4. bis 6. März 2013 Mainz



Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?


Autor/in:

Zapfel, Stefan


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2013, Seite 304-306


Jahr:

2013



Abstract:


Hintergrund:

Migrationssensible Forschungsarbeiten über Zugang, Ablauf und Erfolg von Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation waren bisher nicht oder nur fragmentarisch verfügbar. Soweit Studien den Migrationsaspekt einbezogen, legten sie ihren Betrachtungen in der Regel prozessproduzierte (Routine-)Daten zugrunde, die sich üblicherweise mit der Erfassung der Staatsangehörigkeit begnügen (Höhne, 2007; Höhne, Schubert, 2007). Eine angemessen differenzierte Analyse der überaus heterogenen Migrant(inn)engruppe ist auf einer solchen Datenbasis kaum möglich. Zur präziseren Bestimmung des Migrationshintergrundes verwendete die Pilotstudie 'Migrant(inn)en in der beruflichen Rehabilitation' daher den in der Epidemiologie entwickelten, lebensbiographisch orientierten Mindestindikatorensatz (Schenk et al., 2006). Danach haben Personen einen Migrationshintergrund, wenn beide Eltern im Ausland geboren wurden oder die betreffende Person nicht seit ihrer Geburt in Deutschland lebt und mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde oder die Muttersprache nicht Deutsch ist.

Anliegen der von der Deutschen Rentenversicherung Bund geförderten Pilotstudie war es, angesichts des lückenhaften Forschungsbestands zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Migrationshintergrund erstmals wissenschaftlich fundierte Informationen über Zugang, Prozess und Erfolg ausgewählter Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Rentenversicherung bei Berufsförderungswerken und freien Bildungsträgern zu erhalten.

Methodik:

Wegen des defizitären Forschungsstands im Themenkreis Migration und berufliche Rehabilitation wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Das Datenmaterial wurde mit Hilfe von halbstandardisierten, qualitativen Interviews und Fokusgruppendiskussionen erhoben. Im Einzelnen wurden elf Rehabilitations-Fachberater/-innen der Deutschen Rentenversicherung telefonisch, sechs Leiter/-innen und 18 Fachkräfte von vier Berufsförderungswerken und zwei freien Bildungsträgern sowie Rehabilitand(inn)en mit (16) und ohne Migrationshintergrund (22) persönlich befragt. Hinzu kamen Fokusgruppendiskussionen mit Rehabilitand(inn)en mit und ohne Migrationshintergrund (insgesamt 45 Personen). Alles in allem beteiligten sich 118 Personen an der Studie. Da im Vorfeld unbekannt war, welche Rehabilitand(inn)en in den betreffenden Einrichtungen einen Migrationshintergrund im Sinne des Mindestindikatorensatzes hatten, musste für die Auswahl geeigneter Interview- und DiskussionsteilnehmerInnen ein Screening durchgeführt werden. Um ein möglichst breites Einflussspektrum in die Studie zu integrieren, wurde auf Grundlage der Screening-Ergebnisse auf eine heterogene Zusammensetzung der Studienteilnehmenden geachtet.

Ergebnisse:

Aus dem Screening ergab sich - alle beteiligten Bildungsträger gemeinsam betrachtet - ein Migrant(inn)enanteil von 19 %. Das entspricht etwa dem 2011 für die Gesamtbevölkerung festgestellten Wert (20 %) (Statistisches Bundesamt, 2012). Zwischen den Bildungseinrichtungen zeigten sich allerdings erhebliche Unterschiede: Je nach Institution reichte der Anteil von Rehabilitand(inn)en mit Migrationshintergrund von 8 % bis 29 %. Auf Basis der qualitativen Interviews und Fokusgruppendiskussionen konnten verschiedene migrationsspezifische Barrieren im Zugang, in der Teilnahme und im Erfolg von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben eruiert werden, die teils sprach-, teils kulturell bedingt sind oder auf anderen Faktoren (z. B. Anerkennung im Ausland erworbener Bildungsabschlüsse) beruhen. Beispielsweise kann der Zugang zur beruflichen Rehabilitation scheitern, wenn eine gesundheitliche Einschränkung unter einem religiös-kulturellen Gesichtspunkt als 'schicksalhaftes Gotteswerk' interpretiert und die daraus resultierende Bedarfssituation nicht problematisiert wird.

Die fehlende Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse kann zu einer Einschränkung bewilligter Bildungsmaßnahmen auf vergleichsweise niedrigem Qualifizierungsniveau führen. Mangelhafte Deutschkenntnisse können dem Bewerbungsvorgang hinderlich sind, führen aber auch in Form eines mangelhaften schriftlichen Ausdrucksvermögens während der Maßnahme z. B. zu zeitintensiveren Prüfungsvorbereitungen und geringerem Prüfungserfolg. Auch können Artikulationshemmnisse Fachberater( inne)n dazu bewegen, eher Maßnahmen mit geringem Theorieanteil außerhalb des kaufmännischen Sektors anzuregen. Zudem ist nicht auszuschließen, dass gewisse äußere Kennzeichen (z. B. Tragen eines Kopftuchs) bei potentiellen Arbeitgebern Widerstand auslösen und so die Beschäftigungsaussichten schmälern. Dagegen kann die Mehrsprachigkeit durchaus einen Arbeitsmarktvorteil bieten: Sie verbessert in einigen Branchen (etwa Spedition, Tourismus) die Einstellungschancen beträchtlich. Insgesamt zeigen sich je nach ursprünglichem Kulturkreis der Teilnehmer sehr unterschiedliche Schwierigkeiten. Ein systematisches, obligatorisches Diversity-Management, das speziell Migrant(inn)en unterstützen würde, kommt derzeit weder bei den Kosten- noch bei den Bildungsträgern zur Anwendung.

Diskussion:

Zur Beseitigung migrationsspezifischer Barrieren und zur Verbesserung der Erfolgsaussichten sind verschiedene Hilfen denkbar, darunter die Bereitstellung von Übersetzungshilfen, die Ermöglichung von Deutschkursen als Vorbereitung für die Teilnahme an Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation oder die Einführung entsprechender Fortbildungen für MitarbeiterIinnen beteiligter Institutionen, um einen kultursensiblen, migrationsgerechten Umgang mit den Betroffenen sicherzustellen.

Schlussfolgerungen:

Die Pilotstudie erbrachte erstmals empirische Erkenntnisse über spezifische Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund bezüglich des Zugangs, der Inanspruchnahme und der Erfolgsaussichten von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Von einer überproportionalen Aussiebung von Migrant(inn)en im Zugangsprozedere ist - ein identischer Rehabilitationsbedarf von Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimischen vorausgesetzt - angesichts eines vergleichbaren Migrant(inn)enanteils in der Gesamtbevölkerung nicht unbedingt auszugehen. Stärkere Einflüsse sind allerdings für die Berufs- und Maßnahmeauswahl zu erwarten. Von Bedeutung wären nun nicht nur praktische Hilfen für Leistungsteilnehmende mit Migrationshintergrund, sondern auch quantitativ ausgerichtete Forschungsarbeiten, die eine statistische Einordnung der erzielten Befunde zuließen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '22. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?' | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: http://forschung.deutsche-rentenversicherung.de/ForschPortal...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV357361


Informationsstand: 05.06.2013

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