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Bibliographische Angaben zur Publikation

Zwischenbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Modellvorhabens zur Einführung persönlicher Budgets für Menschen mit Behinderung in Niedersachsen

Eingereicht beim Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, Hannover



Autor/in:

Ammann, Wiebke; Warnke, Wiebke; Windheuser, Jochen


Herausgeber/in:

Katholische Fachhochschule Norddeutschland; Evangelische Fachhochschule Hannover (EFH)


Quelle:

Hannover: Eigenverlag, Online-Ressource, 2005, 78 Seiten


Jahr:

2005



Abstract:


In dem Modellvorhaben werden für die Dauer von zwei Jahren persönliche Budgets für Menschen mit Behinderung in drei niedersächsischen Modellregionen, dem Landkreis Osnabrück, dem Landkreis Emsland und der Stadt Braunschweig, eingeführt. Ambulante Leistungen der Eingliederungshilfe werden nach Durchlaufen eines Hilfeplanverfahrens als Geldleistung zur Verfügung gestellt; in der Regel zunächst für sechs Monate (mit Fortschreibung).

Der Zielerreichungs- und Wirkungsgrad soll unter Einbeziehung des Hilfeplanverfahrens und der persönlichen Situation der Budgetnehmer durch eine wissenschaftliche Begleitung evaluiert werden. Das Team dieser Begleitung legt mit diesem Bericht seinen Zwischenbericht vor.

Perspektive: Budgetnehmer
Die Modellregionen stellen ihre Daten zu den bisher 23 Budgetnehmern (Stichtag 01.12.04) zur Verfügung; zudem werden sie durch eine Kette von Telefon- und Face-to-face-Interviews begleitet. Zwei von drei ausführlichen Einzelfallanalysen zeigen, dass sich Selbstständigkeit und Teilhabe der Betroffenen an der Gesellschaft durch das Persönliche Budget effekt- und phantasievoll unterstützen lassen, falls ein flexibler Leistungsanbieter das Instrument für ein individuelles Angebot zu nutzen weiß oder eine nahe stehende Vertrauensperson, sorgfältig beraten durch die Eingliederungshilfe, den Budgetnehmer intensiv begleitet. Ein dritter Fall demonstriert die Kehrseite, dass die bloße Umwandlung einer als Sachleistung bestehenden ambulanten Assistenz in ein Budget an sich keinerlei Veränderungen initiiert.

Auch einzelne Ablehnungsfälle werden analysiert, insbesondere aber die aktuellen Budgetnehmer beschrieben. 15 stammen aus der Stadt Braunschweig, sieben aus dem Landkreis Osnabrück und einer aus dem Landkreis Emsland. 13 sind weiblich, 10 männlich; die am stärksten vertretene Altersgruppe ist die mittlere (33-46 J.). Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung stellen etwa den gleichen Anteil, Körperbehinderte nur einen kleinen.

Der typische Budgetnehmer erhält 400-500 Euro pro Monat; er wechselt nicht die Betreuungs- und Wohnform, meistens auch nicht den Anbieter, gewinnt aber - mit Hilfe vertrauter Personen beziehungsweise des gesetzlichen Betreuers - im kleinen Maßstab an Flexibilität. Er ist sich der Tatsache, über ein Budget zu verfügen, durchaus bewusst. In einzelnen Fällen gelingt es jedoch, in Zusammenhang mit dem Persönlichen Budget einen stationären Aufenthalt zu beenden oder zu vermeiden. Ebenfalls in einigen markanten Fällen entscheiden sich Budgetnehmer gegen gewohnte Anbieterstrukturen und für eine private Lösung.

Für eine umfassende Bewertung der subjektiven Zufriedenheit und des objektiven individuellen Zielerreichungsgrads ist es in diesem Zwischenbericht noch zu früh.

Perspektive: Leistungsanbieter und Leistungserbringer
Die professionellen Leistungsanbieter schätzen die Zahl potenzieller Budgetnehmer in den Modellregionen recht hoch ein; danach könnte die reale Zahl das Sieben- bis Achtfache der aktuellen erreichen. Grundsätzlich wird das Persönliche Budget positiv gesehen. Andererseits lassen sie es, auf entsprechendes Befragen, an Kritik und Warnungen nicht fehlen: die Klienten seien überfordert, es fehle eine Budgetassistenz, die Qualitätssicherung komme zu kurz, und das Modellvorhaben denke zu sehr wirtschaftlich.

In Sachen Qualitätssicherung werden die Anbieter vermutlich umdenken müssen, indem sie auch subjektive Qualitätskriterien der potenziellen Budgetnehmer bei der Planung ihrer Konzepte in Rechnung stellen.

Es wird auch überprüft werden, wie die Personen, die tatsächlich die Leistung erbringen, in den Hilfeprozess eingebunden sind; erste Interviews zeigen einen durchaus unterschiedlichen Reflexionsstand.

Perspektive: Hilfeplanverfahren
Das im Modellvorhaben angewandte Hilfeplanverfahren wurde aus dem so genannten Metzler-Verfahren vom Landkreis Osnabrück in Kooperation mit der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück entwickelt. Die Anwendung setzt eine hohe sozialpädagogische oder entsprechende Kompetenz der Mitarbeiter und ein Vertrautsein mit dem Instrument voraus; wo dies noch nicht der Fall ist und sein kann, werden Schulungen empfohlen (und zum Teil schon durchgeführt). Zudem zeigen sich noch gewisse Unterschiede zwischen den Modellregionen in der Handhabung der Hilfestufen; auch dies spricht für Austausch und Schulung.

In jedem Fall ist das im Zuge des Persönlichen Budgets eingeführte Verfahren ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zum Status quo ante.

Die wissenschaftliche Begleitung hat mehrere Hilfeplanverfahren begleitet und leitet Anregungen vor allem für eine angemessene Gesprächsführung aus diesen Beobachtungen ab. Insbesondere sollten die Arbeitsbögen nicht als starre Abfrageschemata, sondern als Gedächtnisstütze und als Rahmen für die Ordnung der Notizen benutzt werden.

Das Verfahren weist auf der Grundlage von Bedarfsbeschreibungen Fachleistungsstunden zu, die in ein Budget umgerechnet werden, und vermeidet dadurch einerseits eine Fallpauschalisierung wie im Metzler-Verfahren, aber andererseits auch eine differenzierte Vorschrift von Leistungskomplexen. Die wissenschaftliche Begleitung empfiehlt eine leichte Kurskorrektur in Richtung der möglichen Zuweisungen auch differenzierterer Stundensätze.

Perspektive: Ist-Stand-Erhebung zum Leistungsangebot
Die Situation der Leistungsangebote in den Modellregionen wurde erhoben und wird im Zwischenbericht beschrieben, weil sich die Projektinitiatoren mit der Einführung des Persönlichen Budgets in diesem Bereich Veränderungen, insbesondere eine Ausweitung und Flexibilisierung des Angebots sowie Synergieeffekte, versprechen.

Für folgende denkbare Hypothesen werden die Ausgangsdaten beschrieben:
- Die Zahl der Anbieter ambulanter Leistungen erhöht sich;
- die Zahl der ambulant betreuten Menschen mit Behinderung erhöht sich (absolut und relativ);
- die Art der Angebote ambulanter Leistungen diversifiziert sich;
- die Zahl stationär untergebrachter Menschen mit Behinderung sinkt;
- insbesondere die Zahl stationär untergebrachter Menschen mit niedriger Hilfebedarfsgruppe sinkt.

Es wird bezweifelt, aber nicht ausgeschlossen, dass der relativ kleine Sektor des Persönlichen Budgets nachweisbare Effekte in der Großmenge Eingliederungshilfe zeitigt.

Auf der Ebene der individuellen 23 Budgetfälle ist ein Einspareffekt jedoch jetzt schon nachweisbar, und zwar in Höhe von 117 Euro (oder gut 18 Prozent) im Durchschnitt pro Fall und Monat. Selbst wenn man die spektakulärsten Fälle (Beendigung oder Vermeidung stationärer Aufenthalte) aus der Rechnung herausnimmt, verbleibt eine Ersparnis von circa 6 Prozent.

Weitere Empfehlungen und abschließende Zwischenbilanz
Die wissenschaftliche Begleitung empfiehlt, Möglichkeiten beraterischer und/oder begleitender Hilfen vorzusehen, zum Beispiel pädagogischer Gruppenangebote zur Förderung der Geldverwaltungskompetenz; sowie darüber hinaus, die im Ansatz durchgeplante, aber noch nicht realisierte Einführung von unabhängiger Budgetassistenz voranzutreiben und in Einzelfällen gegebenenfalls auch durch vorübergehende Berücksichtigung bei der Budgetzumessung zu ermöglichen. Wenn nicht dadurch, dann müssen auf andere Weise die Budgetnehmer zumindest vor rechtlichen Fehlern beim Agieren als Quasi-Arbeitgeber bewahrt werden.

Des Weiteren wird angesichts eines erfolgreichen Ausnahmefalles empfohlen, die 'Deckelung' des Budgets mit sechs Fachleistungsstunden pro Woche nicht völlig starr zu handhaben. Auch die sehr knapp kalkulierte Fahrtkostenpauschale könnte in einzelnen Fällen ein fachlich gutes Angebot behindern und sollte flexibilisiert werden. Nicht zuletzt zeigt sich, dass die laut Konzeption grundsätzlich mögliche, aber noch nicht realisierte Kombination mehrerer Teilbudgets aus dem BSHG-Bereich bei geeigneten Klienten durchaus sinnvoll sein kann.

Weiterhin wird angeregt, auf die Dauer die Erprobung Persönlicher Budgets auch im stationären Kontext zu erwägen. Angesichts des wellenartigen Verlaufs des Interesses am Persönlichen Budget (mit leichtem Rückgang in jüngster Zeit) sollten neue Anstrengungen zur Motivierung von Budgetinteressenten unternommen werden; Vorschläge dafür werden unterbreitet.

Die wissenschaftliche Begleitung kommt abschließend zu dem Ergebnis, dass das Persönliche Budget die Autonomie und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Regel stärkt, die Weiterentwicklung und Stärkung des ambulanten Sektors fördert und die Angebotsszene flexibilisieren wird.


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Schlagworte:
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Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


k. A.

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Referenznummer:

R/NV2997


Informationsstand: 19.09.2005

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