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Bibliographische Angaben zur Publikation

Unterwegs in eine Welt des Verstehens: Gehörlos in Hamburg - Die Geschichte der Hamburger Gehörlosenbildung von 1769 bis 2000

Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie des Fachbereichs Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg



Sammelwerk / Reihe:

Hamburger Historische Forschungen, Band 1


Autor/in:

Groschek, Iris


Herausgeber/in:

Hering, Rainer


Quelle:

Hamburg: Hamburg University Press, 2004, 427 Seiten: PDF


Jahr:

2004



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Abstract:


Die Untersuchung gibt erstmals einen Überblick über die Entwicklung der sogenannten 'Taubstummenbildung', der Gehörlosenpädagogik in Hamburg von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis heute.

Dabei ist die Rolle Hamburgs als Impulsgeber in der Entwicklung der Gehörlosenpädagogik in Deutschland deutlich geworden. Beginnend mit der ersten Schule für Gehörlose, die Samuel Heinicke im heutigen Hamburger Stadtteil Eppendorf aufbaute, führt diese Arbeit von der Schulgründung der Milden Stiftung Taubstummenanstalt über die Verstaatlichung der Schule, über die Adaption schulpolitischer Forderungen der Weimarer Republik an der Schule und die selektierende Rolle ihrer Lehrer im Nationalsozialismus bis hin zur Aufgabe der Schulselbstständigkeit der Samuel-Heinicke-Schule (heute Schule für Hörgeschädigte Abteilung II) im Jahr 2000.

Ende des 20. Jahrhunderts war es wieder die Hamburger Schule, die mit der Einführung eines bilingualen Schulzuges in der gehörlosenpädagogischen Landschaft in Deutschland einen neuen Weg aufzeigte und somit an zwei Grenzmarken - dem Beginn deutscher Gehörlosenpädagogik und in der aktuellen bilingualen Entwicklung - prägend wirkte: Hier nahm die Lautsprachmethode ihren Anfang, hier wurde aber auch in Deutschland erstmals wieder auf die Gebärdensprache als Unterrichtsgegenstand zurückgegriffen.

Samuel Heinickes zuerst in seiner privaten Schule von 1769 bis 1778 praktisch erprobte Lehrmethode wurde, nachdem er in Leipzig eine staatliche Taubstummenanstalt aufbaute, rasch als 'deutsche Methode' weltweit bekannt. Weitere Versuche, gehörlose Hamburger schulisch zu bilden, versandeten. Erst auf Anregung des Arztes Dr. Heinrich Wilhelm Buek wurde 1827 in Hamburg die 15. deutsche Taubstummenanstalt eröffnet. Inzwischen unterrichteten gebildete Gehörlose europaweit an Taubstummenanstalten, so auch in Hamburg. Damit folgte die Stadt dem gehörlosenpädagogischen Mainstream. Allerdings war es wieder eine Besonderheit, dass - zumindest kurzzeitig - nur ein gehörloser Lehrer ohne weitere hörende Kollegen den Unterricht gestaltete.

In der Folge waren es charismatische Männer, die jahrelang als Schulleiter das Gesicht der Gehörlosenschule und das Bild der Gehörlosenbildung in der Hamburger Öffentlichkeit prägten. Verschiedene methodische Ansätze sind in der Hansestadt entwickelt, angewandt und weiter ausgebaut worden.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich rasch die Lautsprachmethode im Unterricht Gehörloser gegen eine kombinierte Methodik durch. Die Streitigkeiten zwischen den Anhängern der reinen Lautsprachmethode und einer kombinierten Lehrmethode, die die Gebärde in der Kommunikation betonten, zeigten sich über die Jahrzehnte hinweg auch in der Hansestadt. Gehörlose wurden als Objekte der Mildtätigkeit angesehen, denen eine eigene Meinungsäußerung nicht immer zugestanden wurde.

Selbst in der Weimarer Republik verhinderten Lehrkräfte der Taubstummenanstalt trotz Selbstverwaltungsgesetzes einen größeren Einfluss Gehörloser - seien es Schüler oder der Taubstummenanstalt bereits entwachsene Gehörlose - auf das tatsächliche Schulleben. Diese auf Mitleid und Mitgefühl aufbauende Sicht der Umwelt auf Gehörlose radikalisierte sich im Nationalsozialismus.

Trotz der überwiegenden Meinung der Taubstummenlehrer, ihre gehörlosen Schüler seien 'arbeitsfähig', damit in der Arbeitswelt integrierbar und somit für die Gesellschaft 'brauchbar', trotz Anpassung an die Gesellschaft, Annäherung an nationalsozialistische Ideale und Sichtweisen, trotz Mitgliedschaft in HJ und SS, galt der Gehörlose, wenn er eine Familie gründen wollte, als Bedrohung. Als 'erbkrank' stigmatisierte Gehörlose sollten dem Volk als Arbeitskraft dienen, aber keine eigenen Kinder haben dürfen. Auch Schüler der Taubstummenanstalt wurden Opfer des 'Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses'.

Nach 1945 wurde Hamburg wieder bedeutend, als Hamburger Gehörlosenlehrer mit einer aktiven Gemeinschaftspolitik ein Diskussions- und Austauschklima unter den Gehörlosenpädagogen in den westlichen Besatzungszonen anregten und aufbauten. Schließlich wurde Hamburg in den neunziger Jahren mit der Einrichtung der ersten bilingualen Gehörlosenklasse Deutschlands und der erstmalig begonnenen gründlichen Erforschung der visuellen Deutschen Gebärdensprache zum Vorreiter einer neuen Pädagogik und eines neuen Zweiges der Linguistik, die, wie in der Anfangszeit der Hamburger Schulgründung, auch die Gebärde zu ihrem vollen Recht kommen lässt und sowohl lautsprachliche als auch schriftsprachliche und visuelle Möglichkeiten in der Bildung Gehörloser anwendet.

Diese Studie hat gezeigt, welche Durchsetzungskraft es kostete, die deutschlandweit erste bilinguale Klasse für gehörlose Kinder, in der sowohl die deutsche Lautsprache als auch die Deutsche Gebärdensprache unterrichtet und angewandt werden, in Deutschland zu institutionalisieren. Nachdem in diesem Land jahrhundertelang keine höhere Bildung für Gehörlose zu erreichen war, ist es jetzt Gehörlosen in breiterem Rahmen möglich, an der Universität zu studieren. In Hamburg gibt es auch für Gehörlose die Möglichkeit, den Studiengang Gehörlosenpädagogik am Fachbereich Sprachwissenschaften mit dem Ziel abzuschließen, Lehrkraft zu werden.

Wenn zunehmend Gebärdendolmetscher und Untertitelungen im Fernsehen zu sehen sind, wenn die Gebärdensprache als eine eigenständige visuelle Sprache anerkannt ist und ihre Nutzung ausdrücklich erwünscht, wenn in einem Land, in dem die Worte 'taub' und 'dumm' den selben Namen tragen, inzwischen gehörlose Lehrer hörende Schüler unterrichten, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Akzeptanz Gehörloser in der Gesellschaft wächst.

[Zusammenfassung, Autorenreferat]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Buch/Monografie / Forschungsergebnis / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Hamburg University Press
Verlag der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky
Homepage: https://blogs.sub.uni-hamburg.de/hup/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV1951


Informationsstand: 12.04.2012

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