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Bibliographische Angaben zur Publikation

Mission Impossible

Der nachträgliche behinderten- oder seniorengerechte Umbau von Bädern ist nicht so einfach ...



Autor/in:

Wanke, Kurt B.


Herausgeber/in:

Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM)


Quelle:

Muskelreport, 2000, Heft 4, Seite 53-55, Freiburg im Breisgau: Eigenverlag, ISSN: 0178-0352


Jahr:

2000



Abstract:


Es gibt Aufgaben, die scheinen schon auf den ersten Blick vertrackt; andere erweisen sich erst bei näherer Betrachtung als heikel, oder am Ende gar unlösbar. Eine ganz knifflige Sache ist in aller Regel der nachträgliche Umbau von Nasszellen gemäß (oder angelehnt an) DIN 18025.

Das beginnt schon damit, dass diese Norm nicht zwischen den unterschiedlichen Formen und Schweregraden der Behinderung differenziert, vielmehr alles unter einen Hut zu bringen versucht, und damit das unverzichtbare Eingehen auf den künftigen Nutznießer verhindert.

Ein Beispiel:

die erwähnte Norm schreibt unter 6.2 wörtlich vor: Die Sitzhöhe des Klosettbeckens, einschließlich Sitz, muss 48 cm betragen. Im Bedarfsfall muss eine Höhenanpassung vorgenommen werden können.

Also was nun? 48 cm fix, oder höhenverstellbar? Das eine widerspricht dem anderen, und ist außerdem weltfremd! Zwar gibt es höhenverstellbare WCs, aber wer soll die bezahlen? Gerade im häuslichen Bereich ist die Festlegung auf 48 cm Fixhöhe widersinnig, denn es gibt auf dem Markt keinen serienmäßigen Hygienerollstuhl, mit dem man diese Höhe überfahren könnte.

Die Norm, so gut sie ja gemeint sein mag, geht auch in vielen anderen Details an der Praxis vorbei. Da wird penibel geregelt, wie der Syphon des Waschbeckens auszuführen ist, aber dass gerade ein Rollstuhlfahrer mit eingeschränktem Greifradius großzügige ebene Abstellflächen benötigt, davon weiß die Norm nichts. Verschlimmert wird die Sache noch, wenn 'Fachleute' Waschbecken à la Colani vorsehen, auf deren Rand nicht einmal ein nasser Waschlappen abzulegen ist, viel weniger etwa eine Shampoo-Flasche. Hier sollte man die Betroffenen fragen, statt einen Kotau vor großen Namen zu machen.

Es gibt in dieser Norm aber noch andere Ungereimtheiten, etwa die Vorschrift, dass Türen von Nassräumen grundsätzlich nach außen aufgehen müssen. Was in öffentlichen WC-Anlagen mit großdimensionierten Vorräumen ja durchaus sinnvoll sein mag, schlägt im privaten Wohnungsbau ins Gegenteil um. Das gilt erst recht für den Fall nachträglicher Umbauten, wo unter Umständen der gesamte Grundriss verändert werden muss, ganz zu schweigen von der Unfallgefahr, die zum Flur hin öffnende Türen zwangsläufig mit sich bringen.

Aber angenommen diese Punkte sind einvernehmlich abgehakt, und die allgemein gültigen Regeln (zum Beispiel rutschfeste Fliesen, Lüftungsmöglichkeit etc.) werden beachtet, bleiben noch zwei Punkte offen, die über die Behinderteneignung des umgebauten Bades entscheiden, nämlich
1) die Breite und Art der Tür (rollstuhlgängig?), und
2) Art und Form der Badewanne beziehungsweise Dusche.

Spricht man generell von behinderten-'gerechtem' Bauen beziehungsweise Umbauen, so muss die Benutzung eines Rollstuhls eingeplant werden. Hier gibt die Norm eine Mindestbreite von 90 cm i. L. vor, was zwar auf den ersten Blick recht großzügig erscheint, aber durchaus seine Berechtigung hat. Eine Tür wird ja im Wohnbereich kaum jemals geradeaus durchfahren, sondern in der Regel wird nach rechts oder links in einen Gang abgebogen.

Je größer der dabei mögliche Fahrradius ist, desto bequemer lässt sich die Türzarge mit dem Rollstuhl durchfahren. Durch den geringen Radstand eines Rollstuhls und die übliche Enge im Wohnbereich bleiben die großen Hinterräder beziehungsweise die Greifreifen an der Außenkante der Türzarge hängen. Achtung:
Heck schert aus! Jeder kennt diesen Warnhinweis an Bussen und LKWs, aber wer weiß schon, dass Rollstuhlfahrer das gleiche Problem haben? Abhilfe wäre auch durch Verbreiterung der Türen zu schaffen, aber das bringt wieder andere Nachteile mit sich, zum Beispiel Verlust an Stellfläche an der Innenwand, schlechtere Handhabung des überbreiten Türblattes, und meist auch statische Probleme bei nachträglichem Umbau.

Es geht aber auch viel einfacher und billiger, indem man Türzargen mit abgeschrägter Laibung einbaut. Das Türblatt bleibt dabei völlig unverändert, und von der Rauminnenseite gesehen unterscheiden sich Tür und Zarge nicht von konventionellen Lösungen. Außen jedoch ist die Tür - je nach Wandstärke - um 15 bis 37 cm breiter, als bei rechtwinklig durch die Wand geführten Zargen. Der Zugewinn an Bewegungsfreiraum im Türbereich ist verblüffend, und die Mehrkosten für derartige DELTA-Zargen sind minimal. Doch nicht nur beim Umbau von Bädern sind diese Zargen optimal, und der Architekt wird es begrüßen, dass die Ästhetik seines Bauwerks nicht leidet - im Gegenteil!

Viel problematischer ist aber die sachgerechte Festlegung der Bade- beziehungsweise Duschmöglichkeit. Hier sollte sich der Planer/ Architekt weder auf sein eigenes Fachwissen noch allein auf die Vorstellungen des Behinderten verlassen, sondern unbedingt kompetenten Rat erfahrener Fachleute einholen. Je älter und unbeweglicher der Behinderte wird, desto schwieriger wird für ihn nämlich die Benutzung einer Badewanne. Daran ändert auch ein Badewannenlifter kaum etwas, egal ob mit Federdruck, hydraulisch oder batteriebetrieben.

Das Problem liegt letztlich darin, dass der Benutzer eines solchen Gerätes die Beine über den Wannenrand heben muss, und das bei gleichzeitiger Drehung um 90 Grad, während der bei den meisten Geräten die Rückenlehne auch nicht zur Verfügung steht. Für Querschnittgelähmte sind derlei Sitze schon deshalb nicht geeignet, weil sie nicht gepolstert sind, und aufgeweichte Haut schon bei kurzen Sitzen auf hartem Untergrund zu Druckstellen mit allen bekannten Folgen neigt.

Duschen als Alternative zum Vollbad
Als Alternative bleibt das Duschen, wozu üblicherweise ein spezieller Duschstuhl oder ein Duschrollstuhl eingesetzt wird. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, hier auf alle technischen Einzelheiten einzugehen. Entscheidet man sich jedoch für den Einbau einer rollstuhlgängigen Dusche, so grenzt diese Aufgabe oft an die eingangs erwähnte 'mission impossible', denn einerseits darf keine Schwelle mehr als 20 mm hoch sein, andererseits aber muss verhindert werden, dass das ganze Bad beim Duschen überschwemmt wird. Übliche Duschtassen sind nicht zulässig, weder aufgesetzt noch versenkt, da sie ja nicht mit einem Hygienerollstuhl befahrbar sind. Außerdem ist zu beachten, dass der Duschplatz mindestens 150 x 150 cm misst, ein Raumbedarf, der beim nachträglichen Umbau kaum jemals zur Verfügung steht.

Nun sind wir Deutschen ja für unsere Gründlichkeit bekannt, (und belächelt...) und die DIN 18025 ist ein weiterer Beweis dafür, dass man Messlatten prinzipiell so hoch legen sollte, dass man aufrecht unten durchmarschieren kann. Wer es sich zur Aufgabe macht, der Norm in jedem Detail gerecht zu werden, wird in den meisten Fällen scheitern.

Heißt das aber, dass man alles beim alten belassen sollte? Mitnichten! Mit etwas Fantasie und der Bereitschaft zu Kompromissen lassen sich meist Lösungen finden, die das Wohn-Umfeld betagter und behinderter Menschen ganz entscheidend verbessern, ohne buchstabengetreu der Norm zu entsprechen. Unter diesem Aspekt ist es fraglich, ob die Schaffung eines normgerechten Duschplatzes überhaupt ins Auge gefasst werden sollte, denn zwangsläufig sind gravierende Eingriffe in den Fußbodenaufbau unumgänglich. In den meisten Fällen wird es nicht ohne Schaffung eines neuen versenkten Wasserablaufs gehen, und dann ist unausweichlich auch der darunter liegende Raum von den Umbauarbeiten betroffen.

In diesem Fall muss eine zuverlässige Feuchtigkeitssperre eingebaut werden, was wiederum nicht ohne neue Fliesen machbar ist. Die Kosten für solch einen tiefgreifenden Umbau erreichen schnell 5-stellige Größenordnung, und Zuschüsse sind heute noch schwerer zu erhalten als früher.
Duschen auf der Badewanne löst das Problem! Niemand soll sich durch diese Überlegungen entmutigt fühlen, aber jeder sollte sich bewusst machen, worauf er sich einlässt, und welche Kosten auf ihn zukommen. Aber es gibt nicht nur die Wahl zwischen Baden und Duschen, sondern einen erstaunlich preiswerten und praxisgerechten Kompromiss. Dabei wird auf den Einbau des Duschplatzes verzichtet, und stattdessen die Badewanne als Duschsitz verwendet. Grundgedanke dabei ist, dass eine ganz 'normale' Badewanne als Auflage für einen Dusch- und Pflegesitz dient.

Ein Querschnittsgelähmter, der selbst mit diesen Problemen konfrontiert war, hat zusammen mit seinem Sohn einen weich gepolsterten Dusch- und Pflegesitz entwickelt, der sich ohne Werkzeug auf die Wanne auflegen lässt und eine Sitzfläche in optimaler Sitzhöhe bildet. Der immer wiederkehrende Einwand, dass dabei doch zwangsläufig das ganze Bad überschwemmt und die Pflegekraft selbst nass wird, ist rasch widerlegt: das Ganze funktioniert indes nur dank der mitgelieferten Softstrahl-Brause, die jeder vom Friseur kennt. lässt man sich dort die Haare waschen, so bleibt der Fußboden ja auch trocken. Jeder Friseur benutzt heute eine Perlator Handbrause, die eben nicht spritzt. Die Pflegeperson hat dabei noch den Vorteil, im Stehen arbeiten zu können, mit optimalem Zugriff zur Intimregion. Es würde hier den Rahmen sprengen, alle Einzelheiten zu erläutern. Wer den Umbau seines Bades scheut oder zumindest zurückstellen möchte, kann weitere Unterlagen formlos beim Verfasser dieses Beitrags anfordern.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
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Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Muskelreport
Homepage: https://www.dgm.org/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0075/2966


Informationsstand: 08.02.2001

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