Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Ein Lifestyle-Café wird zum Hoffnungsträger für Behinderte

Auch ganz ohne Mitleidsbonus lassen sich mit Qualität und Design gute Geschäfte machen



Autor/in:

Preuß, Susanne


Herausgeber/in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH


Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 2006, Nummer 64, Seite 19, Frankfurt am Main: FAZ GmbH


Jahr:

2006



Abstract:


Die Autorin berichtet über das Café 'Samocca' im schwäbischen Aalen, bei welchem es sich laut Sozialgesetzbuch um eine Behindertenwerkstatt handelt. Die Leiterin des Cafés, gelernte Metallbauerin, ist im Hauptberuf Heilerziehungspflegerin und beschäftigt 15 behinderte Mitarbeiter. Für die Stelle im Café Samocca hat sie zusätzlich noch eine Kurzausbildung in der Kaffeerösterei Konstanz und einen Kurs bei Probat in Emmerich, einem Hersteller von Kaffee-Röstmaschinen, gemacht. In diesem Lifestyle-Café lagern Kaffeesorten aus aller Welt. In der Röstmaschine werden die Bohnen frisch geröstet, bevor sie in Halb-Pfund-Tüten verpackt werden, um an die Kaffeehaus-Gäste oder an Kunden des Online-Shops verkauft werden.

Das Projekt wurde vom Samariterstift Neresheim vorfinanziert. Doch es muss wirtschaftlich gearbeitet werden, da die Maßgabe klar ist. Was die Stiftung vorfinanziert hat, muss zurückbezahlt werden. Folglich gilt es, die Preise so zu kalkulieren, dass unterm Strich etwas übrig bleibt, andererseits jedoch möglichst viele Menschen sich einen der Spazialitätenkaffees im Samocca leisten können.

370.000 Euro hat die Samariterstiftung für das Café Samocca investiert, davon allein 150 000 Euro für die Instandhaltung des alten Gebäudes mit großem Garten. Laut Anita Höfer vom Samariterstift Neresheim, Projektleiterin des Café Samocca, muss sich das in sechs bis acht Jahren amortisiert haben. Die Sozialmanagerin ist sicher, dass sich jetzt, zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung des Cafés, die Investition gelohnt hat. 'Die Entscheidung, uns mit Haut und Haaren der Qualität zu verschreiben, hat sich als goldrichtig erwiesen', sagt Höfer.

Da die Samariter ihre Erfahrungen mit anderen teilen möchten ist aus dem Café Samocca mittlerweile ein Franchisesystem geworden. Es gibt bereits in Quedlinburg und Osnabrück solche Lifestyle-Cafés und das Franchisekonzept des Cafés wurde gerade auf der Werkstätten-Messe in Nürnberg preisgekrönt. Anita Höfer hofft, dass es sogar zehn oder mehr Franchisenehmer werden, da mit solchen Cafés ein neuer Markt für Behindertenarbeit erschlossen wird. Anfragen aus der freien Wirtschaft werden abgelehnt, da es immer schwieriger wird, interessante Arbeit für Behinderte zu finden.

Auch Burkhard Roepke, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen, kann davon ein Lied singen. Mit Sorge beobachtet er, dass die klassischen Tätigkeiten für Behinderte, meist manuelle Arbeiten, ins Ausland verlagert werden. Neue Wege seien zu finden.

Projektleiterin Anita Höfer betont marktkonformes Agieren. Die Samocca-Mitarbeiter müssen, anders als in den meisten Behindertenwerkstätten, zum Beispiel auch einmal ihre Pause verschieben, wenn gerade viel Betrieb ist. Aus diesem Grunde bekommt man eine Leistungsprämie auf das erbärmlich niedrige gesetzliche Arbeitsentgelt (bundesweit durchschnittlich 159 Euro). Auch bei der Optik gibt es keine Kompromisse. Schmuddeliges Aussehen wird nicht geduldet. Doch diese Kompromisslosigkeit hat sich gelohnt, denn einer der Samocca-Mitarbeiter hat bereits eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt bekommen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
Homepage: https://www.faz.net/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA5814


Informationsstand: 21.03.2006

in Literatur blättern